Gegenwind

Bei der Erziehung mischen sich alle ein und jeder weiß es besser. Alle Menschen haben eine Meinung dazu. Da sind Fußball, Politik oder Religion harmlos gegen. Und mit einem Blog öffnet man Tür und Tor zu noch viel mehr Kommentaren, auf die man gerne verzichten könnte.

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photo credit: Run From The Storm via photopin (license)

Wir bekommen Gegenwind von allen Seiten. Naja, (noch) nicht so viel auf unserem Blog, eher im „echten“ Leben. Die Nachbarn wissen es besser. Wir müssten unser Baby an dieses und jenes gewöhnen. Und die Familie (unsere Eltern) versteht uns nicht und ist mindestens beleidigt deswegen. Über den Konflikt mit meiner Mutter hatte ich schon hier geschrieben. Der ist auch entstanden, weil sie nicht mit unserem Umgang mit Charlie Brown einverstanden war. Das ist mittlerweile so eskaliert, dass uns nicht mehr mitgeteilt wurde, ob und wie meine Mutter eine schwere Operation überstanden hat. Liebesentzug galore. Weil wir die Bedürfnisse des Babys höher einschätzen als ihren Willen und Prioritäten anders setzen. Von überall höre ich, dass wir es falsch machen. Dennoch glauben wir an uns.

Ich habe nicht auf mein Bauchgefühl gehört, sondern viele Bücher und Artikel gelesen. In verschiedene Richtungen habe ich meine Fühler ausgestreckt. Das hat mir sehr geholfen, mich und Charlie Brown besser zu verstehen. Und ich glaube, dass die Einmischung Dritter viel mehr über die einmischende Person sagt als über mich und unsere Erziehung. Und dies versuche ich mir immer bewusst zu machen. Auch wenn die Situation sehr belastend ist. Denn so bin ich momentan sehr einsam und isoliert. Frida hat jüngst darüber gebloggt.

Ich beobachte, dass mein Verhalten starke Emotionen bei meinem Gegenüber hervorruft. Er (oder sie, meist sie) ist so voll von Gefühlen, dass sein Verhalten daraufhin ungerecht, unreflektiert oder er gar ausfallend wird. Dabei tangiert mein Verhalten sein Leben erstmal gar nicht. Es könnte ihm so egal sein wie die Tatsache, dass ein Millennium Rätsel geknackt wurde oder auch nicht (den Beweis versteht ohnehin niemand). In dem Fall schalten die meisten Leute ab und haben keine Meinung. Warum aber interessiert sie, wie Herr Griesgram und ich mit unserem Kind umgehen? Man versteht es ja noch etwas bei den eigenen Eltern und ihren Ratschlägen. Aber Nachbarn, Kita-Mütter und Internetnutzer? Warum haben sie eine Meinung, die mit so großem Drang geäußert werden muss?

Gleichzeitig merke ich oft, dass sehr viele Menschen sehr vieles persönlich nehmen. Zum Beispiel: ich sage, dass viele Eltern ein Schlaflernprogramm durchziehen und das käme für uns nicht in Frage. Sofort kommt eine Abwehrreaktion, dass man selbst das ja gar nicht mache. Gut, aber dies habe ich auch nie behauptet. Ist man unsicher in seinem Verhalten, bezieht man vieles auf sich selbst. Aber warum? Ist es nicht eigentlich irgendwie narzistisch zu denken, jede Aussage und jeder Kommentar hätte mit einem selbst zu tun? (Ich spreche hier NIEMANDEN an. Diese Frage hat mir mal eine Psychologin in einer Selbsthilfegruppe für Kinder alkoholkranker Eltern gesagt. Weil man da immer denkt „wenn ich nur xy gemacht hätte, dann wäre alles anders.“).

Ich glaube die Gründe für diese Verhaltensweisen, also die Einmischung und das Persönlich nehmen, sind sehr ähnlich. Eine Situation triggert ein vergrabenes Gefühl. Entweder etwas, bei dem man beim eigenen Kind unsicher war und Bestätigung sucht (unbewusst) oder eine vergrabene Kindheitserfahrung. Im ersten Fall vermute ich, dass die Unsicherheit auch in der Kindheit begründet liegt. Vielleicht, weil man das eigene Kind ähnlich erzieht wie man selbst groß geworden ist und etwas aus dem Unterbewusstsein dagegen protestiert. Oft (aber nicht immer) geht die Unsicherheit mit einem verminderten Selbstbewusstsein einher.

Kinder sind egozentriert. Das heißt sie sind die Sonne ihres kleinen Universums und alles kreist um sie und existiert nur für sie. Das ist für das Kind zum Beispiel dafür wichtig, zu einem funktionierenden Erwachsenen zu werden, wenn seine Eltern nicht gut mit ihm umgehen. Kinder brauchen das Gefühl geliebt zu werden. Ansonsten verfallen sie in eine (tödliche) Depression. Ihr Egozentrismus sorgt dafür, dass sie die Schuld am elterlichen Verhalten bei sich suchen und so können sie überleben. Aber zu einem Preis. Sie müssen sich anpassen und lernen, ihre Bedürfnisse zu ignorieren, um ihren Eltern zu gefallen und sich so geliebt fühlen.

Durch diese Anpassung müssen sie ein Stück von sich selbst opfern. Das ist jedoch nicht verloren, es schlummert innerlich und wird in ihrem späteren Leben durch ähnliche Situationen getriggert. Dann fühlt man nicht mehr wie ein Erwachsener, sondern wie ein Kind und bezieht alles auf sich und spürt und fühlt wie ein Kind. Also sehr intensiv.

Gleichzeitig ist Hilfe von Ratgebern oder Psychologen oft verpönt. Ich kann doch wohl mein Kind noch selbst erziehen! Anderseits wird dem Kinderarzt geglaubt, wenn er Schlaftraining empfiehlt. Dabei weiß der über Kinderpsychologie nicht mehr als jeder andere! Ein Stück weit ist das für mich auch Obrigkeitsdenken.

Viele erziehen doch nach Gefühl und lesen keine Ratgeber. Dadurch machen sie vieles einfach so, wie sie es aus ihrer Kindheit kennen. Vielleicht auch Dinge, die nicht gut für einen waren, wie beispielsweise weinen lassen oder nicht ausreichend trösten. (Herr Griesgram beobachtet sein Verhalten und stellt erschreckend häufig fest, wie er häufig Denk- und Verhaltensmuster wie seine Eltern an den Tag legt, die mit bindungsorientierter Erziehung nicht zu vereinbaren sind.) Wenn man dann sieht, dass andere etwas anders machen als man selbst, kommen diese unterdrückten Teile in einem hoch. Und dieses Innere ist wütend! Und die Wut wird direkt in die Situation gelenkt und man wird sauer, weil die Eltern das Kind so trösten obwohl es doch xyz lernen muss! Da erkennt man die kindliche Wut. Denn eigentlich ist man ja wütend und traurig, weil man selbst nicht so behandelt wurde und unsicher, weil man bei seinem Kind auch so handelt.

Ständiges Hinterfragen und Reflektieren ist natürlich wichtig und das machen wir auch. Etwas immer auf sich beziehen heißt, dass man sich nicht wirklich hinterfragt, sondern man sucht nach Verbündeten. Hinterfragen heißt für mich, dass man sich ausgiebig informiert und alle Meinungen anhört. Verschiedene (alternative) Reaktionen im Kopf durchspielt, Bedürfnisse und Wünsche differenziert, eigene Grenzen ausmacht, andere akzeptiert und offen, respektvoll kommuniziert. Natürlich ändert man manchmal seine Meinung. Meine Erfahrung ist jedoch, je informierter ich war umso weniger wahrscheinlich war es, dass ich meine Meinung geändert habe. Noch in der Schwangerschaft war ich überzeugt von „Kinder brauchen Grenzen“ und von Lob und logischen Konsequenzen. Dann habe ich angefangen zu lesen und meine Ansichten dazu haben sich grundlegend geändert. Und je mehr ich lese, desto überzeugter bin ich von bindungsorientierter Erziehung.

Unser familiärer Konflikt hat eine etwas andere Dynamik und ich gehe damit sehr besch***eiden um. Ich weiß nicht, was richtig und falsch ist. Also halte ich mich an die Chronologie und hinterfrage jede meiner Entscheidungen. Sie waren nicht nur zu dem Zeitpunkt richtig, ich würde auch jetzt wieder so entscheiden. Leider hat meine Mutter da kein Verständnis.

Nun kenne ich sie und ihre Vergangenheit. Ich weiß, dass sie eine sehr schwere Kindheit hatte und sie hat auch bei mir schon viel anders gemacht, als sie es selbst in ihrer Kindheit erfahren hat. Dennoch gilt bei ihr „Erwachsene zuerst“, auch wenn sie das nie sagen würde. Ich weiß also, dass ihr Verhalten aus Angst, mich zu verlieren, kommt und sie dann mit Widerstand reagiert. Auch sie verfällt da in kindliche Muster und „bockt“. Hilft uns beiden aber nicht, denn ich komme nicht an sie heran und ändern können wir gerade nichts, ohne die Bedürfnisse von Charlie Brown zu untergraben. Es wird also weiter eskalieren und am Ende redet sie nicht mit mir. Ist dann halt so. Traurig.

Dies ist ein Herzensbeitrag für mich. Denn der Gegenwind ist anstrengend. Und je persönlicher, desto anstrengender. Es hilft zwar, dass ich voll hinter unserem Weg stehe, aber dennoch nervt es und zehrt an den doch sehr knappen Ressourcen. Das ist aber etwas, was mit mir zu tun hat. Es ist mir nicht egal. Ich werde nicht gerne kritisiert oder Schlimmeres. Es ist so anstrengend, permanent von Leuten Gegenwind zu bekommen, die sich nicht schlau machen und die sich auch nicht dafür interessieren, wieso wir etwas anders machen als sie.

Meine Quellen zum Verständnis der menschlichen Psyche sind:

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