High Need Baby meets High Demand Oma – ein Trauerspiel

Die traurige Wahrheit ist wohl, dass ich mit meiner Mutter zerworfen bin. Dabei hatten wir ein (scheinbar) gutes Verhältnis.

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photo credit: Resistance via photopin (license)

Die Vorgeschichte
Bevor ich zu dem Verhältnis zu meiner Mutter komme, möchte ich etwas über meinen Vater schreiben. Er verstarb an den Folgen seiner Alkoholsucht als ich Anfang zwanzig war. Er war Alkoholiker seit ich mich erinnern kann, ich wurde von ihm beschimpft, ignoriert, an Fremde abgeschoben, in Kneipen vergessen und geschüttelt. Und ich dachte (und denke wohl auch noch), das alles wäre meine Schuld gewesen. Diese Bindungsperson war für mein Wohlergehen unbrauchbar, es blieb also meine Mutter als einzige Instanz. Aber auch bei ihr galt oft, dass die Arbeit vor Fräulein Sonnenschein kommt. Ich habe aufgepasst, sie nicht zu verlieren, und dafür alles getan. Bis Charlie Brown kam.

Das Verhältnis war also nie ausgeglichen, ich habe versucht ihr alles Recht zu machen und mich dabei vergessen. Seit ich in der Pubertät war, war das Verhältnis auch eher freundschaftlich, ich wurde so immer mehr zu der Person, die zuhört. Gleichzeitig habe ich mich nie getraut sie zu kritisieren, denn das wurde mit Schweigen und einem vorwurfsvollen Blick bestraft. So konnte ich nie fragen warum sie nicht gesehen hat, dass mein Vater so war wie er war. Ich habe mich nicht mal getraut darüber nachzudenken. Das habe ich als Angriff auf sie empfunden und nicht zugelassen. Meine Therapeutin wollte das mal thematisieren, es war jedoch zu dem Zeitpunkt für mich unmöglich. Bis Charlie Brown kam.

Meine Mutter hatte keine leichte Kindheit. Sie musste bspw. schon mit vierzehn arbeiten gehen. Ich konnte hingegen sogar promovieren. Und dafür erwartet sie Dankbarkeit. Überhaupt für alles, was sie für mich tut. Oder getan hat. Wenn sie früher bei der Arbeit gegangen war, um mich von der Schule abzuholen, oder für meinen Klavierunterricht. Ich musste dankbar sein. Und das beinhaltet, dass ihre Anliegen an mich unverzüglich erledigt werden. Ich durfte ja sogar im Ausland studieren. Ich habe immer geglaubt, dass sie damit Recht hat. Bis Charlie Brown kam.

Mit Charlie Brown haben sich meine Prioritäten völlig verändert. Seine Bedürfnisse gehen erstmal vor meinen, und ganz sicher vor denen meiner Mutter.

Erster Akt
Der Konflikt begann mit ihrem Besuch bei uns. Charlie Brown war mitten im Zwölf-Wochen-Wachstumsschub und ziemlich unleidlich. Daher haben wir ihn abgeschirmt und versucht, dass er viel schläft. Das dauerte halt, unter weißem Rauschen ohne Nebengeräusche wie Stimmen, und meine Mutter hatte leider de facto über ihren gesamten Besuch nicht wirklich Zeit mit mir und/oder dem Kleinen. Das tat uns leid! Das haben wir auch gesagt. Aber der Kleine geht bei uns vor und es ging ihm nicht gut. Zumal das Absprechen und Einhalten von Terminen, welches ihr Zeit mit dem Kleinen hätte einbringen können, auf beiden Seiten schwierig zu sein scheint… Bei uns aus den bekannten kleinen Gründen.

Nach dem Besuch war erstmal zwei Wochen Funkstille und sie reagierte nicht auf meine Nachrichten. Und dann kam das erste Tadeltelefonat. Ihre Vorwürfe/Aussagen und die Dinge, die ich denke aber leider nicht sage waren/ sind:

  • Sie haben schon so viel für uns getan, da sollte ich mal nachdenken.
    Ich denke, dass sie das immer freiwillig gemacht hat (sie hat zum Beispiel mir und auch Herrn Griesgram bei unserer Hochzeit geholfen). Ich vermute sie meint aber auch so Dinge wie „Studium bezahlt“ und da finde ich, dass das zum Eltern sein eben dazu gehört. Ich habe immer nebenbei gearbeitet, weil ich nie so viel Geld bekam, dass es ohne gereicht hätte. Dankbarkeit ist eh ein großes Thema. Daher ist das quasi ein Totschlagargument, mit dem sie mich früher immer überzeugt hat.
  • Sie sind so weit gefahren, um Charlie Brown zu sehen.
    Sie wollten das! Ich war noch im Wochenbett, da waren sie schon zweimal hier. Ich hätte darauf easy peasy verzichten können. Da ist man ja doch sehr mit sich und dem Baby beschäftigt.
  • Wir sind schlechte Gastgeber.
    Ich war im Wochenbett. Und Charlie Brown anspruchsvoll. Ich hätte mich über Hilfe gefreut, anstatt noch Kritik dafür zu bekommen, weil wir keinen Kaffee haben. Wir trinken keinen Kaffee. Als sie sich verfahren hat, hätte Herr Griesgram sie abholen sollen, anstatt das wir ein Taxi organisieren. Es ist zwar kein Argument, aber wenn wir bei ihnen sind wird mehr auf den Fernseher geschaut als in die Augen. Herr Griesgram und ich hassen TV.
  • Sie hat Charlie Brown nicht lange gehalten.
    Er hat geweint. Ich gebe doch nicht mein schreiendes Kind ab. Mir würde die Formulierung „Ich hätte meinen Enkel so gerne mal gehalten“ mehr zusagen.
  • Sie bereut, so viel in mich investiert zu haben.
    Diese Aussage tut jetzt noch weh. Zumal sie emotional nicht viel investiert hat. Ich wurde schreien gelassen und war viel bei den Großeltern, weil ihr die Arbeit so wichtig war. Sicher, sie hat es für ihre Familie getan, aber in dem Fall hat sie ihr Bedürfnis nach Sicherheit meinem kindlichen Bedürfnissen willentlich vorgezogen.
  • Charlie Brown muss lernen zu warten.
    Muss er einfach noch nicht. Ist ja ein Baby. Besser: Oma muss lernen sich zu beeilen.
  • Sie hat wieder gearbeitet, da war ich acht Wochen alt.
    Warum ist das gut? Sie hat mich an die Oma abgeschoben. Ganz toll!
  • So wie wir das machen DÜRFE man keine Gäste empfangen. Sie würde so nicht mehr kommen.
    Sie wusste worauf sie sich einlässt, bevor sie das Bahnticket gebucht hat. Ich habe gesagt, dass Charlie Brown eine schwierige Zeit hat, aber wir uns freuen sie zu sehen. Sie wusste auch, dass er mich sehr intensiv braucht. Sie war also vorgewarnt.

Uns ist auch manches aufgestoßen. Sie kam zu spät ohne etwas zu sagen, am nächsten Tag hörten wir nichts von ihr (obwohl das abgesprochen war) und sie war dann shoppen. Sie fragte nicht was uns passte und zog einfach ihr Ding durch. Als sie dann ankam roch sie stark nach Zigaretten, beteuerte aber, nicht geraucht zu haben. An die Aussage schien sie sich aber nicht mehr zu erinnern, als sie mir vergangene Woche am Telefon sagte, sie rauche seit einem halben Jahr bereits wieder.

Sie war und ist zutiefst persönlich gekränkt. Ich verstehe das nicht. Ich verstünde traurig oder frustriert, aber gekränkt und beleidigt erschließt sich mir nicht. Ich verstehe, dass sie das starke Bedürfnis nach Kontakt zum Enkel hat, aber ihr Weg das Bedürfnis zu erfüllen erscheint mir eher kindisch. Sehe ich das falsch?

Danach schrumpfte der Kontakt auf ein Minimum. Ich habe immer versucht etwas zu erzählen, viele Sachen jedoch auch nicht, da ich keine Lust auf die Reaktion hatte. Wie beispielsweise, dass ich ein Jahr zuhause bleibe und nur mit einer halben Stelle in den Job starte. In der Zwischenzeit hatten wir ein längeres Telefonat, da mein Stiefbruder schwer verunglückt ist und sie keinen Kontakt mehr zu ihm haben. Ich fand jedoch, dass sie das wissen sollten, also habe ich angerufen. (kurzer Einschub. Ich hasse telefonieren. Sehr. Und wenn ich meine knappe Freizeit mit telefonieren verbringen muss, dann bitte wenigstens ohne Vorwürfe. Ich habe telefonieren vermieden wie der Zucker das Wasser. Etwas feige und egoistisch. Stimmt.)

Zweiter Akt
Etwa drei Monate später rief sie abends an. Charlie Brown schlief schon (auf mir). Ich bekam eine automatische SMS „der Anrufer bittet um Rückruf“. Ich schrieb(!) also, dass ich nicht telefonieren kann (geräuschsensibler Charlie) und ob Herr Griesgram helfen kann. Da kam ein „eher nicht“. Ich also zurückgeschrieben was denn los sei. Dann kam lange nichts und einige Stunden später kam die Nachricht, dass sie einen Tumor hat (keinen ganz üblen, einen „wenn schon Krebs, dann dieser“).

Das war ein Schock und trotz Schlafmangel und großer Müdigkeit konnte ich nicht schlafen. Am nächsten Tag haben Herr Griesgram und ich überlegt, ob wir hinfahren. Für Charlie Brown eine Tortur, und damit auch für uns. Und wir wussten nicht, ob wir damit sein Urvertrauen zerstören, weil er sehr sehr viel schreien müsste und wir nicht optimal auf seine Bedürfnisse eingehen könnten. Wir haben sogar den Wunschkindblog kontaktiert und die bezaubernde Danielle hat uns unglaublich geholfen. Sie hat gesagt, dass ich nicht aus Pflichtgefühl fahren sollte und Charlie Brown vor geht und viele andere liebe Dinge. Wir würden die Oma einladen und auch abholen. Doch es kam anders. Wir haben die Rechnung ohne meine Mutter gemacht.

Ich habe am nächsten Tag versucht sie zu erreichen. Das ging nicht, weil sie arbeiten muss. Also hat Charlie Brown ein spätes Nickerchen gemacht und wir haben abends telefonieren können. Und dann kam das nächste Tadeltelefonat.

  • Ich hätte WISSEN müssen, dass es wichtig ist. Sie hat um RÜCKRUF gebeten.
    Einer der Lieblingssätze meiner Mutter ist „muss man einfach sprechen“. Warum muss ich das denn wissen? Sie kann doch kommunizieren, dass es wichtig ist, oder? Ich muss mein ganzes Leben schon ihre Gefühle raten.
  • Sie hätte mich gebraucht und hat dann eine Freundin anrufen müssen.
    Sie sind so weit gefahren, um Charlie Brown zu sehen.

    Mein kleiner Sohn schläft nur mit meiner Hilfe. Er ist sechs Monate alt erst. Er braucht mich. Er schreit wenn es ihm zu viel ist, was schnell der Fall ist, und gerade ist es eh schwierig. Meine Mutter ist erwachsen. Sie hat einen Mann und Freunde. Ich hätte ihr gern geholfen, aber erst mal gilt „Charlie Brown comes first“. Und ich wusste nicht, dass es wichtig ist. Es hätte auch eine Beschwerde von ihr sein können, weil ich meiner Tante zum Geburtstag nur geschrieben habe statt anzurufen… (sie hatte übrigens schon Krebs und wäre sicher auch eine gute Gesprächspartnerin gewesen. Sie unternehmen viel zusammen).
  • Ich wüsste gar nicht, dass sie auch andere gesundheitliche Probleme hatte.
    WEIL SIE ES MIR NICHT SAGT. Und ich keine Strichliste mit Fragen zu allen möglichen Details führe.
  • Ich gehe nicht arbeiten.
    Finde ich immer noch nicht schlimm.
  • Ich habe das alles falsch gemacht, den Schuh muss ich mir anziehen.
    Das saß!
  • Sie haben so viel für uns getan.
    Wir auch für sie. Wir sind auch gefahren, haben Computergedöns usw. gemacht. Aber das war freiwillig und wir erwarten keinen Orden dafür. Und nachdem ich nun bedingungslose Liebe kenne, kotze ich hier innerlich langsam.
  • Sie wären ja am Anfang so oft gekommen und jetzt nicht mehr. Sie würden sich nicht Willkommen fühlen.
    Sie wollte doch nicht mehr! Hat sie selbst gesagt.

Finale tbc
Es steht außer Frage, dass ich besorgt um sie bin. Wir haben auch noch einmal telefonieren können und ich bekam dann auch Informationen von ihr. Als ich sagte, dass ich an Tag xyz wieder anrufen werde, da Herr Griesgram dann auf Charlie Brown aufpassen kann, kam das Schweigen und ich wurde abgekürzt. Seitdem reagiert sie nicht mehr auf meine (schriftlichen) Nachrichten, ich kann nur nicht einfach telefonieren, schon gar nicht am Abend. Auch nach ihrer OP wollte sie keinen Kontakt. Ich möchte Kontakt haben, auch wegen und für Charlie Brown. Aber nun ist etwas mit mir passiert und mein Leben ist gerade auch zu anstrengend, als das ich dieses Spiel mitspielen kann.

Sehe ich das so falsch? Muss ich dankbar sein? Bin ich ein schlechter Mensch? Hätte ich sofort los fahren müssen? Ich liebe meine Mutter, meine Sorge um Charlie Brown ist nur größer, auch wenn er kerngesund ist, liege ich da falsch? Meinem (Bauch)Gefühl kann ich hier nicht trauen.

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