Ich weiß, wie du dich fühlst

Von Anekdoten von und Situationen mit unseren Mitmenschen. Über Experten und solche, die meinen, welche zu sein. Und uns, welche sich an Ratschlägen und Mitgefühl erfreuen dürfen. Ein kurzes Plädoyer für mehr Toleranz und etwas offeneres Denken. Doch zuvor ein etwas intoleranter, kleiner Einblick in das, was wir als Familie schon so alles miterleben und uns anhören durften.



photo credit: d_t_vos Candid of a little boy via photopin (license)

„Ich weiß, wie du dich fühlst“. Oder auch in abgewandelter Form: „Ich weiß, wie das ist“. Wer kennt solche Aussagen nicht? Als Papa ist mir dieser Spruch das erste mal bitter aufgestoßen, als mein damaliger Vorgesetzter dies auf meine Familiensituation entgegnete. Er ist dreifacher Vater, sein jüngster sogar jünger als unser Kleiner. Also grundsätzlich schon mal eine gute Voraussetzung dafür, sich in andere Väter hineinzuversetzen. Im nächsten Moment fing er an davon zu reden, dass die Nächte wesentlich entspannter werden, wenn man dem Baby mit seinem siebten Lebensmonat das Schlafen beibringt. „Aber auf keinen Fall bevor es sechs Monate alt ist!“, warnte er. Das Prozedere hat er mir auch dargestellt. Ob es denn nicht kritisch zu sehen sei, entgegnete ich, da in diesem Alter für die Kleinen die Menschen und Dinge wirklich für immer verschwunden sind, wenn sie sie nicht sehen, und sich das Baby verlassen fühlen würde. Ach, pappeelapapp. Wir halten also fest, ein ausgeschlafener Familienvater, der ohne Not seinen Jüngsten das Schlafen beibringt, erzählt mir, er fühlt mir mein frisches Papaleben mit einem High Need Baby nach.

Von unseren Nachbarn haben wir an der ein oder anderen Stelle ja schon geschrieben, Frau Sonnenschein erwähnte ja einst bereits, dass sie von einer Nachbarin aufgeklärt wurde, wir würden unser Kind verziehen. Weil ihre Kinderärztin ihr all dies verboten hat, was wir tun. Oder war es die Frauenärztin? Jedenfalls ein ausgebildeter Experte. Besagte Nachbarin weiß auch, wie wir uns fühlen. Ihr Kind war sogar noch schlimmer. Sagt sie. So schlimm sogar, dass er mit vier Monaten schon alleine schlafen durfte. Äh, musste. Wenn es nachts mal schrie, dann ist Nachbar-Mama direkt zu ihm gestürzt und hat ihm die Brust gegeben. Das hat sie nicht gesagt, aber so ist es ganz bestimmt gewesen.

In seinem zehnten Lebensmonat hat das frühreife Kind, das natürlich in dem Alter bereits manipulativ, nachtragend und rachsüchtig ist, dann auf die harte Tour schlafen lernen dürfen. Alleine, abends vom Ablegen im Babybett bis zum Morgengrauen. Ob die lauten „RUHE!“ Schreie, die wir von der besorgten Mama im Erdgeschoss bis in das 3. Obergeschoss hören können (zugegeben, begünstigt durch die gute Akustik in unserem Block), erst später hinzugekommen sind, vermögen wir nicht zu beurteilen. „Da hat mir echt das Herz geblutet“, sagt die Mutter, die weiß, wie wir uns fühlen. Sie hat(te) echt ein anstrengenderes Kind als wir, wie sie betont, wenn Charlie Brown ohne Mucks von uns getragen wird und mit großen Augen jede Sekunde etwas anderes anvisiert. Es war bei ihnen sogar so schlimm, dass sie mit dem Sechsmonatealten in den Urlaub fahren mussten. Definitiv wird sie aber wissen, wie es uns ergeht.

Eine weitere Bekannte hatte auch ein Kind, dass im ersten Jahr rund um die Uhr getragen werden wollte. Welches auch von Papa nicht getröstet werden wollte. „Mit dir war ich auch im Park, dort bin ich mit dir Herumgelaufen bis du geschlafen hast, und dann habe ich ein Buch gelesen.“ Einschlafen beim Herumlaufen? Im Park?? Davon träumten wir nicht mal mehr nachts. Na gut, in den letzten Wochen hat Charlie Brown echt eine bemerkenswerte Entwicklung hingelegt und es ist nun vieles einfacher. Alle Situationen fanden allerdings weit vorher statt. Von besagter Nachbarin kam zumindest Verständnis für uns und keine Ratschläge. Ob sie wissen wie wir uns fühlen? Ich denke eher glauben als wissen.

Eine Bekannte einer anderen Nachbarin hatte ein Kind, das schlief mit vier Monaten bereits neun Stunden am Stück durch! Wohl ohne (negative) Einwirkung von außen. Welch glückliche Eltern? Mitnichten. Die geplagte Mutter müsse ihr junges Baby abends bis zu einer Stunde auf dem Arm tragen, damit es einschläft. Da fehlte dann auch selbst unserer Nachbarin das Verständnis, ihr Kind wollte in dem Alter alle vier Stunden an die Brust! Das Leben als Mutter kann sooo verdammt hart sein. Wir wissen bestimmt, wie die beiden sich fühlen. Ähnlich ist es bei Eltern, deren zweites Kind wesentlich anstrengender ist als das Erstgeborene. Die Erfahrung, dass man etwas unerfahren war in der Einschätzung, wie Babys nun mal sein können, führt leider nicht automatisch zu der Erkenntnis, dass es einen (und noch mehr andere) noch viel „anstrengender“ (subjektives Empfinden) hätte treffen können…

Interessant ist, dass das „Ich weiß wie du dich fühlst“ vieler Erwachsener überhaupt nicht gegenüber Kindern zu gelten scheint. Dabei denke ich nicht einmal mehr an solche Lappalien wie die Mutter, die in der Fußgängerzone ihrer ca. fünf Monate alten Tochter ein angenervtes „Warum meckerst du denn jetzt schon wieder, du alte Krawalltante!“ entgegenraunzt. Die Sprechstundenhilfe unseres Kinderarztes empfahl uns in dieser Woche, unseren stürmischen Charlie Brown in einen Laufstall zu packen. Wir könnten diesen ja schön schmücken, wenn es ihm nicht auf Anhieb darin gefiele. Wenn wir es nicht machen und dann auf Grund seines agilen Wesens etwas passiere, dann sei anschließend das Geschrei bei uns aber sehr groß. „Ist nur ein Ratschlag“, sagt sie, und so schlagfertige Antworten wie „Danke sehr, dürfen wir fragen, auf welche Studien genau sie sich mit Ihren Äußerungen beziehen?“ oder „Oh, haben Sie auch auf dem Fachgebiet der Kindesentwicklung promoviert?“ fallen uns immer erst hinterher ein. Wir nehmen es stattdessen meist einfach nur hin und denken uns unseren Teil. Und auch Weisheiten wie „Mit Mädchen kannst du reden, wenn sie sich nicht richtig verhalten, bei Jungs muss man einfach zugreifen und machen!“ von Dritten, wenn es um den Umgang mit den Kleinsten wie den Kleidungswechsel oder einfach nur das Gehorchen geht, lassen uns nicht gerade neidisch auf andere Familien blicken.

Insgesamt ist das alles natürlich Meckern auf einem recht hohem Niveau. Und auch ist dieser Beitrag bis zu dieser Zeile tatsächlich intolerant gegenüber unseren Mitmenschen, deren Horizont und Vorstellungskraft aus irgendwelchen Gründen etwas begrenzt ist. Vor kurzem las ich einen Beitrag zu einem niedergeschriebenen Tageserlebnis einer Früchchen(24.+1)-Mama. Und von Dauerschreikindern habe ich auch schon gelesen. Mein Gott, es geht Frau Sonnenschein, Charlie Brown und mir gut!

Frau Sonnenschein und ich versuchen, uns in unsere Mitmenschen hineinzuversetzen. Zumindest, so gut es geht. Wir sind uns der Grenzen unserer Vorstellungskraft durchaus bewusst. Und nicht jeder empfindet alles als gleich schlimm und gleiche Situationen fühlen sich bei unterschiedlichen Menschen anders an. Ich würde mir wünschen, dass man als Elternteil die Sicht mit den Scheuklappen ablegt und einem zumindest bewusst(er) wird, dass hinter dem nächsten Hügel die Welt nicht so sein muss, wie man sie sich auf Grund seiner eigenen kleinen Welt im Kopf zurechtgebaut hat. „Die Welt ist so geräumig, doch der Kopf ist so beschränkt“, hieß es mal in einem Werbespot. Vielleicht läuft aber auch einfach nur das falsche Fernsehprogramm, das einem ja zeigt, wie die Wirklichkeit aussieht.

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