König geboren, Kunde entthront

Die Geburt des eigenen Kindes mitzuerleben ist etwas ganz Tolles. Ich bin sehr froh darüber, dass unser Sohn gesund auf die Welt gekommen ist. Den Moment, oder besser, die Momente seiner Geburt vor dem inneren Auge nochmal Revue passieren zu lassen, lässt meine Augen immer noch feucht werden. Voller Glücksgefühle und wohl auch Hormone vergisst man alles um sich herum und freut sich einen Keks.


photo credit: Nícolas – 11 meses via photopin (license)

Ziemlich schnell wird einem als Elternteil dann aber auch klar, dass man in das kalte Wasserbecken der Verantwortung geworfen wird. Das gerade erst geschlüpfte Kind ist, wie eine Pflanze, komplett von seiner Umwelt abhängig. Babys sind abhängig von den Entscheidungen sowie dem Verhalten der Eltern. In den ersten Lebenslagen kommen hierzu noch die Hebammen und die Schwestern und Ärzte im Krankenhaus. Das ist die Zeit, in dem Mann klar wird, dass man von nun an neben großem Glück auch große Verantwortung trägt.

Die Themen, die in den ersten Tagen bei jungen Eltern aufschlagen, sind das Stillen sowie die medizinische Versorgung des Kleinen bzw. Der Kleinen. Im Nachhinein ärgert es mich ein wenig, mich nicht vorher informiert haben, was aber zum Großteil an dem Krankenhaus und dessen Bediensteten lag, die uns in den ersten drei Tagen betreut haben. Es ist zum Glück kein (größerer) Schaden entstanden. Mein Vorurteil über Mediziner und Peripherie wurde aber bestätigt. Kein Arzt übernimmt die Verantwortung, wenn dem Nachwuchs etwas zustößt oder es ihm wegen einer Behandlung schlecht geht. Die Verantwortung trägt man als Papa oder Mama immer selbst.

Mit der Zeit im Krankenhaus verbinde ich zwei Stichworte: Prävention und Melkkuh. Diese beiden Substantive gibt es nur als Paar. Soll heißen: präventive Maßnahmen oder Beratung gibt es nur, wenn es auch eine Melkkuh gibt. In diesem Fall ist die Melkkuh der Patient, der für Medikamente (zur Prävention) zahlt oder der dafür zahlt, einen Zustand wiederherzustellen, der mit einer präventiven Beratung so gar nicht eingetreten wäre.

Beratungszeit für Gespräche zur Vorbeugung scheint es, so ist zumindest mein Eindruck, auf Grund hoher (Oppertunitäts-)Kosten nicht zu geben, denn diese Zeit ist vermutlich fest für Papierkram und Organisation fest verplant. Zugegeben, alle sind oder waren immer stets bemüht, aber dies ist nicht das, was man in seinem Zeugnis stehen sehen möchte. Finde ich. Ob es sich bei unseren Erfahrungen im Krankenhaus um systematisches Versagen handelt, oder es im Einzelfall Unwissenheit oder Zeitmangel ist, darüber werde ich an dieserr Stelle nicht spekulieren.

Das erste, was die jungen Eltern nach der Geburt tun, ist, sich dem neuen Erdenbewohner zu widmen. Das erste Kuscheln und ggf. Stillen steht heutzutage Gott sei Dank für die meisten Babys schon kurz nach der Geburt an. Und mit kurz meine ich wenige Minuten. 20 Minuten nach der Geburt soll der Saugreflex des Babys am größten sein und den Weg ebnen in den Start einer guten Stillbeziehung (siehe Beitrag „Die Erziehung unserer Eltern und Großeltern – Stillen“ auf gewuenschtestes-wunschkind.de). Sofern die Formalitäten der Angestellten dies zwischen Eintrag der Geburtsdaten und der Durchführung der ersten U-Untersuchung zulassen. Wir wissen nicht, wie diese verpasste Chance das Saugverhalten von Charlie Brown beeinflusst hat, hätten wir es damals schon gewusst, hätten wir darauf bestanden. Uns wäre vielleicht das ein oder andere erspart geblieben.

Das Stillen stellte sich bei uns nämlich als eher schwierig heraus. Charlie Brown trank in den ersten 24 Stunden der Geburt nicht, er wollte sich nicht stillen lassen. Wir hatten den Gedanken, dass Babys instinktiv richtig trinken. Von Hebammen und Schwestern wurden wir bestätigt, frühe Babys haben häufig Probleme mit dem Trinken, so beruhigte man uns. Keine Worte der Warnung. Von Stillhütchen hatte ich zu dem Zeitpunkt noch nie etwas gehört…

Viel Fruchtwasser habe Charlie Brown bei der Geburt geschluckt. Deshalb habe er Bauchschmerzen und keinen Appetit. Den ersten halben Tag nach der Geburt mag das sicherlich noch zutreffen. Als er in der Nacht schrie, riet man uns, ihm den kleinen Finger an den Gaumen zu halten. Neben Fliegergriff und anderen Sachen. Und tatsächlich, er saugte leicht am Finger und schien nun zufrieden. Es ist trotzdem eine schlechte Idee bei einem Frischling. Der dadurch entstehende Speichelfluss füllt nämlich den kleinen Magen, das Bedürfnis nach kräftigender Muttermilch wird so übermalt, aber natürlich nicht gedeckt. Außerdem saugen die Neugeborenen nur wenn sie Hunger haben.

Die Folge war eine Neugeborenen-Gelbsucht, die bereits 24 Stunden nach der Geburt einsetzte. Von dort an wurden wir, naja, vielmehr Frau Sonnenschein (die übrigens hier die Geschehnisse aus ihrer Sicht erzählt), von Schwestern und Hebammen mit Still-Tipps überhäuft. Man darf sich das im Geiste nicht immer als Service vorstellen. Eines Morgens wurden wir, noch nicht einmal richtig wach, von etwas Lautem, Hektischen überfallen. Das Stillkissen wurde flix auf das Bett geworfen, der Säugling genommen und uns sinngemäß gesagt: Seht her, SO geht das richtig! Und in unser beider Köpfe hallte es verstört: Jawohl, meine Schwester!. Insgesamt gab es zum Stillen von dem halben Dutzend Mitarbeiterinnen gefühlt 17 verschiedene Meinungen, so dass ich das Thema für mich persönlich schon als Kunst klassifizierte.

Mit der Gelbsucht wurde Charlie Brown sehr schläfrig und trank sehr wenig. Die Folge waren Gewichtsverluste in den ersten drei Lebenstagen. Als er nach dem zweiten Tag 9,6% seines Geburtsgewicht verloren hatte, herrschte auf einmal Aufregung beim Personal und man wurde aktiv. Nur 10% darf er maximal an Gewicht verlieren! Sagt wer? Keine Ahnung. Beifütterung (=Mast) wurde jedenfalls angedroht. Gott sei Dank hat er danach in 10g-Schritten zugelegt. Am Morgen unseres geplanten Checkouts kam dann dazu die Rückmeldung: Da sind wir aber froh, und weiter, sonst hätten wir sie jetzt gar nicht gehen lassen dürfen. Da waren wir erstmal baff, uns fiel die Kinnlade herunter. Diese Information hätte man auch vorher mal teilen können, passt aber zu der Geschichte mit der Melkkuh. Beifütterung scheint weniger Umsatz zu bringen als eine medizinisch angeordnete Beifütterung mit Zwangsaufenthalt im Krankenhaus. Zu den Schwellenwerten und statistischen Angaben, mit denen man während der ersten Lebenswochen des Nachwuchses von Medizinerseite konfrontiert wird, werde ich demnächst einen gesonderten Beitrag verfassen.

Unter dem Strich bin ich sehr froh, mit meiner Familie die ersten drei Tage im Krankenhaus unbeschadet überstanden zu haben. Alle sind gesund, wir haben viel gelernt, auf so manche Erfahrungen hätten wir verzichten können. Gerade im Umgang mit Charlie Brown haben wir im Krankenhaus auch etwas gelernt, bspw. den Fliegergriff. Meine Vorurteile darüber, dass man als Patient als Melkkuh gesehen wird und nicht als Kunde, haben sich verfestigt. In den nächsten Jahrzehnten möchte ich Charlie Brown eine gesunde und gleichzeitig vorurteilsfreie Skepsis gegenüber den Dingen beibringen, die in seinem Leben so auf ihn zukommen werden. Schaden von ihm abwenden und dabei nicht irgendwelchen Dogmen folgen, sondern informiert sein. Denn ich trage Verantwortung für jemanden, der dies noch nicht kann. Den tollsten Krümel mit krumengroßen Fußnägeln.

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