(Un-)Erzogen, selbstbestimmt und die Grauzonen

Ich lese Elternblogs, gerne und viele. Es gibt mir das Gefühl, nicht allein zu sein. Wenn ich mich durch das Internet klicke, klingt vieles oft ungemein dogmatisch. Oftmals klingt es, als müsse man nur eine Zehnpunkteliste einhalten, damit das Kind nicht versaut wird. Denn darum geht es ja letztendlich, man möchte sein Kind nicht verhunzen (so wie man selbst ist?). Auf besagter Liste stehen vor allem: Familienbett, Stillen nach Bedarf, Tragen, windelfrei erziehen, Baby led weaning und neuerdings die Selbstbestimmung des Kindes (in verschiedenen Formen). Ich glaube nicht an diese eine wahre Liste. Ich glaube vieles davon ist für uns richtig, anderes weniger. Aber die Einhaltung reicht nicht aus, damit unser Sohn eine sorgenfreie Kindheit hat. Genauso wenig würde die Nichteinhaltung der genannten Punkte unseren Sohn automatisch zu einem Tyrannen machen. Mit der Selbstbestimmung habe ich mich einmal näher auseinandergesetzt.

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photo credit: Big Sister Love via photopin (license)

Ich möchte Charlie Brown schon jetzt so viel Selbstbestimmung wie möglich lassen. Aber es gibt Grenzen. Er hat Grenzen, Herr Griesgram hat welches, ich habe auch Grenzen, und alle sollten möglichst eingehalten werden. Und ich glaube nicht, dass „Fremdregulation von Kindern Vertrauen zerstört und Selbstständigkeit verhindert“ oder gar „Gewalt“ ist. Ich glaube, es ist nicht schwarz und weiß, sondern eher hellgrau und dunkelgrau. Denn selbstbestimmte Kinder müssen/wollen auch in die Kita?! Und selbst wenn nicht, was ist mit der Schulpflicht? Oder die U-Untersuchungen, Urlaub?

Völlige Selbstbestimmung ist unmöglich für Kinder zu bewerkstelligen und sollte, glaube ich, auch nicht das Ziel sein. Das Ziel ist, meiner Meinung nach, sein Kind zu kennen und einzuschätzen, ihm zu vertrauen und es zu unterstützen. Auch wenn das heißt, dass ich ihm Entscheidungen über seinen Körper abnehme. Insbesondere am Anfang. So viel Selbstbestimmung wie möglich und so wenig Einschränkungen wie nötig. In abhängig vom jeweiligen Kind!

In dem Beitrag, der mich hierzu inspiriert hat, ging es darum, dass Kinder auch Süßigkeiten und Medienkonsum selbst bestimmten. Beides kann jedoch süchtig machen und Kinder können dies nicht nur nicht einschätzen, sondern sich auch schlechter regulieren. Auch das selbstbestimmte Schlafen ist nicht für alle Kinder möglich. Und ab und an muss auch ich meine Grenzen wahren. Denn es sind alle Bedürfnisse relevant, auch meine. Nur so lernt unser Kind, anderer Menschen Grenzen zu respektieren und damit umzugehen.

Medienkonsum
Ich beschreibe ja ausführlich, dass ich Charlie Brown oft auf dem Gymnastikball in den Schlaf wippe und darauf weiter mache bis er erwacht. Dabei komme ich regelmäßig auf mehr als vier Stunden am Tag, früher noch deutlich mehr. Ohne das Smartphone würde ich verrückt! Ich kann so mit Herrn Griesgram schreiben, lesen und bloggen.

Es hat sich dann so eingeschlichen, dass man auch immer mal darauf guckt, wenn Charlie Brown wach in der Nähe ist. So sieht er uns jedoch ständig mit dem Ding und das wollen wir nicht! Charlie Brown ist das Wichtigste in unserem Leben und er soll nicht den Eindruck bekommen, das dusselige Telefon wäre wichtiger. Also haben wir nun smartphonefreie Zeit wenn Charlie Brown munter ist.

Aber wie werden wir den Medienkonsum handhaben? Einerseits sind Smartphones und Co ein Teil der Gesellschaft, daher soll er schon den Umgang damit lernen. Andererseits sorgen sie für Vereinsamung innerhalb der Familie. Das wird ein ganz schöner Spagat werden!

Kinder bis hin zu Pubertierenden können sich hier nicht bis nur wenig selbst regulieren. Beispielsweise, Computer- und Handyspiele stimulieren das Glücksgefühl. Jede erreichte Etappe oder Punktestand führt dazu, dass Dopamin ausgeschüttet wird. Man fühlt sich glücklich und zufrieden und stolz. Das alles sind menschliche Bedürfnisse, das Spiel ist jedoch eine Ersatzbefriedigung. Und davon braucht das Gehirn schnell mehr, bis hin zur Sucht. Freier Zugang zu Medien wäre eher fahrlässig als selbstbestimmend.

Jesper Juul sagt in einem Interview, dass Kinder schon mit drei Jahren anfangen die Verhaltensweise Eltern zu kopieren und lieber mit dem Smartphone spielen anstatt mit anderen. Das finde ich gruselig. Charlie Brown soll sich nicht unglücklich fühlen weil wir 150mal am Tag auf das Handy blicken.

Was passiert bei übermäßigem Medienkonsum?
Die Forschung zur Auswirkungen von Smartphones und Tablets ist noch sehr jung (so lange gibt es sie ja auch noch gar nicht). Es gibt jedoch unzählige Studien zum Fernsehkonsum und kindlichem Lernen. Grundsätzlich ist ein hoher Fernsehkonsum problematisch, weil das Kind dann nicht mit der Familie interagiert, sondern isoliert ist. Selbiges gilt für das Smartphone oder Tablet noch mehr. Viele Rückschlüsse kann man also auch für interaktive Medien ziehen.

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photo credit: Hold on a sec, mom, I’m on the phone via photopin (license)

Zu viel Fernsehen führt zu Übergewicht, manipuliert den präfontalen Cortex und erhöht die Wahrscheinlichkeit in der Zukunft eine Straftat zu begehen oder eine Persönlichkeitsstörung zu entwickeln.

Und Fernseher, Smartphone und Co sind allgegenwärtig. 97% aller Haushalte haben einen Fernseher, 83% ein Tablet und 77% ein Smartphone. Bereits im Alter von vier Jahren besitzen 75% der Kinder ein Smartphone! Eltern überlassen den Kindern elektronische Geräte wenn sie den Haushalt erledigen (70%) oder um sie zu beruhigen (65%). Bereits Zweijährige benutzen täglich ein Handy.

Der permanente Umgang mit elektronischen Medien hat Auswirkungen auf den Schlaf, das Gehirn und das Familiengefüge. Kinder, die in der Nähe von genutzten elektronischen Medien schlafen, schlafen im Schnitt zwanzig Minuten weniger und der Schlaf ist weniger erholsam. Zudem leiden die schulischen Leistungen und es tritt verstärkt aggressives Verhalten auf.

Letzteres ist ein Zeichen, dass der präfontale Cortex durch den übermäßigen Medienkonsum gelitten hat. Der präfontale Cortex ist die Kontrolleinheit des Gehirns. Hier finden bspw. das Empathievermögen und die Impulskontrolle statt. Die frühe und übermäßige Nutzung elektronischer Geräte kann dazu führen, dass die Selbstregulierung leidet. Kinder können sich dann nur noch durch Smartphones etc. ablenken, jedoch nicht mehr richtig regulieren. Zudem kann durch die Smartphonenutzung der Zugang zu naturwissenschaftlichen Disziplinen erschwert werden. Kinder lernen durch freies Spiel, insbesondere werden Empathie und Problemlösungskompetenzen dabei geübt. Der häufige Gebrauch elektronischer Medien kann daher zu Defiziten in diesen Bereichen führen. Auch die Kommunikationsfähigkeit leider darunter.

Es ist auch nicht nur problematisch, wenn Kinder diese Medien zu früh nutzen. Auch das Familiengefüge leidet, wenn die Eltern zu häufig am Handy datteln. Je mehr sich die Eltern mit dem Smartphone beschäftigen, anstatt mit den Kindern, desto häufiger reagieren diese bspw. mit Beißen. Gleichzeitig reagieren diese Eltern besonders streng auf das Verhalten ihrer Kinder.

Oftmals wird angeführt, dass Kinder den Umgang mit Medien lernen müssen, um später erfolgreich sein zu können. Das stimmt so nicht. In einer Studie wurden computeraffine und computerresistente Kinder verglichen. Am Anfang konnten Erstere im Umgang mit dem PC natürlich mehr (gemessen an ihrer Hirnaktivität), doch Letztere holten den Abstand zu der Computergruppe schnell auf. Es fiel jedoch auf, dass die computeraffinen Kinder geringere Hirnverbindungen in den Regionen aufwiesen, die für die Konzentration, Lesen und Schreiben zuständig sind.

Wie wir mit Medien umgehen
Natürlich heißt das nicht, dass wir Charlie Brown nie mit dem Handy spielen lassen oder es in seiner Gegenwart niemals benutzen. Es ist ein alltäglicher Gebrauchsgegenstand und Charlie Brown würde sich vermutlich nicht als Teil der Kitagruppe fühlen, wenn er gar keine Ahnung davon hätte. Es gibt auch Studien die zeigen, dass interaktive Medien die Lesefähigkeit fördern. Wir werden das Smartphone und Tablet nur sehr begrenzt nutzen und ihm auf lange Sicht nicht zur freien Verfügung stellen, geschweige denn ein eigenes Smartphone kaufen. Wir sind auch überzeugt, dass ein Smartphone immer nur ein Wunsch ist, nie ein Bedürfnis sein kann. Soziale Interaktion ist jedoch ein Bedürfnis.

Körperhygiene
Der Wunschkindblog hat hierzu alles gesagt. Natürlich sprinten wir nicht sofort zum Windelwechsel, aber innerhalb der nächsten Stunde werden wir uns dem annehmen. Dann gab es hoffentlich einen Moment, in dem beide damit einverstanden sind. Charlie Brown stört sich nicht im geringsten an einer vollen Windel, daher reißen wir ihn nicht aus seinem Spielfluss, wenn er sich währenddessen mal erleichert.

Essen
Das Thema Essen ist ein gutes Beispiel für „ein Nein akzeptieren“. Das finden wir auch. Wir mussten gerade schweren Herzens ein „Ja“ akzeptieren. Charlie Brown ist noch keine sechs Monate alt und kann noch nicht alleine sitzen. Ich wollte also mit der Beikost warten, bis wir ihn in den Stuhl setzen können. Da habe ich die Rechnung ohne meinen Sohn gemacht. Charlie Brown will bei uns mitessen. Er schnappt sich unsere Hände und führt sie sich zum Mund. Also essen wir nun, was er auch essen darf. Bisher mag er Bergpfirsich und Käsebrot am liebsten. Wir gehen also auf sein Bedürfnis zu probieren ein.

Was aber ist mit größeren Kindern? Ist Selbstbestimmung dann nicht, dass sie entscheiden was sie essen und nicht nur ob? Und wann? Kleinere Kinder wären mit dieser Entscheidung aber überfordert. Beispielsweise können Zweijährige nicht beantworten „was möchtest du zu Mittag essen?“, sie können aber entscheiden „möchtest du Pfannkuchen oder Milchreis essen?“. Völlige Selbstbestimmung ist also hier auch nicht optimal. Das Alter und die kognitiven Fähigkeiten sind relevant. Aber ein „Nein“ kann man akzeptieren, im Normalfall. Denn was ist mit der Mutter einer bulimischen Tochter? Wäre hier das nein zu akzeptieren nicht fahrlässig? Wobei ein guter Weg eine bulimische Tochter zu vermeiden sicher ist, dass man ihr nein früher akzeptiert.

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photo credit: Sugar Rush via photopin (license)

Selbstbestimmung hört für mich auch bei Süßigkeiten auf. Kinder lieben Zucker. Die Natur hat unsere Kinder so gestaltet, dass süß gleich super gilt. Und das sind Süßigkeiten. Durch Zucker wird Insulin gebildet und dadurch Serotonin ausgeschüttet, ein weiteres Glückshormon. Ähnlich wie bei Computerspielen kann Zucker süchtig machen. Auch das Naschen selbst kann süchtig machen. Und Kinder können sich da nicht regulieren. Zumal sie nicht die Konsequenzen von übermäßigem Zuckerkonsum einschätzen können. Daher erscheint mir eine Selbstbestimmung hier, insbesondere für kleinere Kinder, bedenklich. Das heißt nicht, dass es nicht Kinder gibt, die das können. Wenn Charlie Brown jedoch nach mir kommt, dann wird er bei Schokolade schwach…

Natürlich darf Charlie Brown später mal naschen und Kuchen essen und jedes Kind hat ab und an einen Zuckerflash verdient. Dennoch werden wir hier regulieren. Allerdings wollen wir mit gutem Beispiel voran gehen. Uns etwas zu erlauben und es unserem Sohn zu verwehren untergräbt die Integrität.

Schlafen
Schlafen ist unser Dauerbrenner. Wenn Charlie Brown sehr gestresst ist, dann kommt er gar nicht zur Ruhe. Ich halte ihn dann fest im Arm, kuschele Wange an Wange und wippe auf dem Gymnastikball bis er sich entspannen kann. Dabei wehrt er sich. Er zappelt und drückt sich weg. Er will das nicht. Aber er steht auch völlig neben sich und schreit, egal was wir tun. Der Unterschied ist, dass er dabei zur Ruhe kommen kann.

Ich kann mir daher bisher nicht vorstellen, dass er in den nächsten sechs Monaten freiwillig und entspannt Richtung Bett krabbelt und bereit ist zu schlafen. Wenn das so wäre, dann wäre ich sofort dabei. Die Idee von selbstbestimmtem Schlafen ist toll, aber funktioniert nicht bei jedem. Das haben Frida Mercury von 2Kindchaos und die Frühlingskindermama ganz wunderbar formuliert.

Alltag
Ich finde bei der Gestaltung des Tages haben Kinder am wenigsten Selbstbestimmung. Sie werden in die Kita gebracht, werden zu den U-Untersuchungen gebracht oder zum Zahnarzt, auch über den Urlaub entscheiden sie nicht. Weder wann noch wohin. Und auch ein nein kann nicht immer umgesetzt werden wenn es mal ganz schnell gehen muss.

Aber Kinder leben auch nur im hier und jetzt. Sie können einen Tag nicht planen wie wir. Sie sind auch nicht urlaubsreif. Und sie sind (sollten sein) sorglos. Wir als Eltern kümmern uns um ihre Gesundheit und schleppen sie zum Arzt und möchten ihnen im Urlaub neue schöne Erinnerungen schaffen. Deshalb bleibe ich dabei, so viel Selbstbestimmung wie möglich und so wenig wie nötig. Aber ein bisschen Fremdbestimmung ist nötig, für die einen mehr und die anderen weniger. Und ich behaupte trotzdem von mir, dass ich bedürfnisorientiert erziehe.

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