Weil jeder dein Kind besser kennt als du: (Freud und) Leid mit der Familie (1)

Konflikte mit der Familie sind emotional anstrengend. Unsere bedürfnisorientierte Erziehung bedeutete, dass wir Familienbesuche absagen mussten und überhaupt zunächst nirgends hinfahren konnten. Also kam die Familie zu uns und mit ihr ein Koffer an Erwartungen und ein Rucksack voller Vorwürfe.

Mein Eltern waren in den ersten drei Monaten drei mal zu Besuch, um sich Charlie Brown anzusehen. Sie sagen angucken, meinen aber anfassen. Als ich klein war, hat meine Mutter mir immer gesagt: „Gucken tut man mit den Augen, nicht mit den Fingern“. Vielleicht hätte ich sie daran erinnern sollen.

A young boy sits outside a museum after a disagreement with his mother.
photo credit: Not in the mood via photopin (license)

Das erste mal waren sie hier direkt nach der Geburt. Da wurde nicht viel erwartet, daher lief dieser Besuch entspannt ab. Danach jedoch sahen sich die Großeltern wohl kinderwagenschiebend spazieren gehen. Aber Pustekuchen. Es gab stattdessen kurz Charlie halten und mir beim Stillen zu sehen. Es kamen Nachfragen, ob man ihn nicht mal ablegen könnte. Wir antworteten mit „nein“. (ja, wir haben es versucht; nein, wir glauben Körperkontakt ist wichtig und deshalb muss er das nicht lernen).

Die Enttäuschung war also groß auf Seiten der Großeltern. Im Anschluss an die Besuche folgten also wütende, vorwurfsvolle Anrufe. Es kam die Kritik wir verwöhnen unser Kind und einige Fachleute (Anette Kast-Zahn und Seiten, die sie zitieren) würden zum kontrollierten Schreien raten. Aber man wolle sich keinesfalls einmischen. Immerhin, der gute Vorsatz war da, man hatte sich mittels der Monopol-Suchmaschine erkundigt, wenn auch durch eine verzerrte Brille.

Ich führte an, dass Stress das Wachstum beeinträchtigt, das Gehirn verändert und man vermutet, dass der Anstieg an Depression und Angstzuständen mit Schreien lassen im Zusammenhang steht. Daraufhin bekam ich als Antwort, dass ja nicht ganz Deutschland depressiv wäre. Ich weiß, dass ich oft alleine schreien gelassen wurde. Selbst wenn es keine Auswirkungen hätte, würde ich Charlie Brown das nicht antun wollen (ich habe das genauer hier aufgeschrieben). Damals wussten es unsere Eltern und Großeltern einfach nicht (besser).

Es ist etwas ignorant, von der Erziehungslehre aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts so überzeugt zu sein, ohne sich in irgendeiner Weise einmal mit aktueller Literatur schlau zu machen. Dies von den eigenen Eltern zu verlangen bedeutet jedoch, sie dem Schmerz auszusetzen, nicht das Beste für ihr Kind getan zu haben. Überhaupt scheint bei den eigenen Kindern jede positive Eigenschaft erfolgreich anerzogen, jede Negative als angeboren angesehen zu werden. Und überhaupt erziehen die meisten doch genauso, dann kann es so falsch nicht sein. Das gleiche wird man damals über die Verwendung von Asbest beim Häuserbau bestimmt auch gesagt haben: machen alle so, ist also unbedenklich.

Mir fallen solche Gespräche mit den Eltern ausgesprochen schwer. Ich antworte meist, dass ich den Frust verstehe und über das Gesagte nachdenke. Es ist ein wenig scheinheilig, da wir unseren Erziehungsstil sicher nicht ändern werden, aber es ist nicht gelogen, denn diese Gespräche beschäftigen mich sehr. Großeltern wollen nicht hören, dass ihre Kinder die Enkel anders behandeln, als wie die Eltern es in ihrer Kindheit erfahren haben. Die Nachricht „Ich hätte mir gewünscht von dir anders behandelt worden zu sein“ schwingt zu offensichtlich mit. Und im Gegensatz zu PC und Internet ist die Erziehung eines der wenigen Felder, in denen die ältere Generation bei den Jüngeren noch mitreden kann. Das hat sie ja schließlich selbst miterlebt. Und groß geworden seien wir ja auch…

Letztendlich fordern die Großeltern bei Besuchen die Aufmerksamkeit und eine Verbindung zu Charlie Brown, Herrn Griesgram und mir. Charlies Bedürfnisse waren jedoch Schlaf und Geborgenheit. Die habe ich vorgezogen. Es ist ein unlösbares Dilemma, beide Bedürfnisse zu befriedigen. Das Bauchgefühl meiner Mutter suggeriert ihr, dass je ähnlicher man sich ist, umso besser ist die Verbindung. Nun waren wir uns sehr uneinig und sie hat Angst bekommen. Ihre Strategie, das Bedürfnis nach Verbindung zu befriedigen, war demnach, mir große Vorwürfe zu machen. Das ist eher keine gute Strategie, denn sie entzweit, anstatt zu verbinden.

Auch die Eltern und die Großmutter von Herrn Griesgram kamen um Charlie anzugucken (mit den Fingern, nicht mit den Augen). Zugegebenermaßen war das für mich emotional weniger anstrengend, aber der Einmischfaktor war ähnlich groß (aber weniger subtil).

Insbesondere Charlie Browns Urgroßmutter ließ viele Erinnerungen für das Phrasenbingozurück. Dabei kam die ganze Erziehung der ‚deutschen Frau mit ihrem ersten Kind‘ (Johanna Haarer) durch. Er müsste Schreien, das kräftigt die Lungen und sowieso muss er lernen (alleine zu schlafen, zu warten, einfach alles). Sie wusste es alles besser. Charlie Brown war müde, aber nein, sie meinte er will gucken. So ging es die ganze Zeit. Herr Griesgram sagt jetzt seiner ehemaligen Familie ständig, sie sollen Grenzen respektieren (das haben sie leider nie gelernt).

Zum Ende hin wollte die erfahrene Dame ihn unmittelbar nach der Begaffung auch noch antätscheln. Wir wippten da schon auf unserem geliebten Gymnastikball, weil unser armer Sohn völlig fertig war von den vielen Leuten. Als er dann anfing zu weinen, da er nicht wollte und sie auf mehrfaches Bitten nicht aufhörte, sprach Herr Griesgram ein deutliches Machtwort (mit Wut im Bauch).

Ich war sehr stolz auf meinen Mann. Nicht nur hat er sich für unseren Sohn eingesetzt, er hatte es mit dem schwierigsten Gegner aufgenommen: der eigenen Verwandtschaft. Das ist schwer, da man ein besonderes Verhältnis zu den Eltern hat. Durch die eigene Erziehung mit Lob und Tadel vermeidet man sogar als Erwachsener noch die Konfrontation. Einerseits, weil diese einen sehr aufwühlt und man noch immer den Eltern gefallen möchte, anderseits aus Resignation, da man fühlt, dass die Eltern nicht zuhören können oder wollen. Umso beeindruckter war ich von Herrn Griesgram.

Alle Familienbesuche haben aufgezeigt, warum wir anders erziehen möchten. Ich möchte später mit Charlie Brown nicht die Art Gespräche führen, die ich mit meiner Mutter hatte. Genauso wenig möchte ich, dass er wie Herr Griesgram noch im erwachsenen Alter auf die Einhaltung seiner Grenzen pochen muss. Ich hoffe sehr, dass wir alle einen besseren Weg finden werden. Unsere Familienverhältnisse und die der ratschlaggebenden Mütter sind jedenfalls so, dass wir uns gänzlich bestätigt sehen mit unserer Bedürfnisorientierten Erziehung („attachment parenting“).

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2 Gedanken zu „Weil jeder dein Kind besser kennt als du: (Freud und) Leid mit der Familie (1)#8220;

  1. Liebe Frau Sonnenschein, ich schreibe nur schnell um euch Mut zu machen. Unser „24h Baby“ ist mittlerweile 3,5 Jahre und ein ganz tolles Kind. Es wird besser und leichter. Ganz sicher! Durchhalten! Den Kampf mit der Verwandtschaft hatten wir auch lange. Auch wenn es schmerzhaft ist, meine Kraft hat nicht dafür gereicht, neben den hohen Bedürfnissen meines Kindes, auch noch die Bedürfnisse der Großeltern zu befriedigen. Hier habe ich (und mein Mann) klare Prioritäten und Grenzen setzen müssen. Es war richtig, Verständnis gab es nie. Es wurde besser, seitdem unser Sohn älter und belastbarer wurde. Er (und wir) steckt den anderen Umgang mit ihm jetzt (stundenweise) besser weg.

    • Liebe Mi

      Vielen Dank für deinen Kommentar und das Mut machen. Schön zu hören, dass es auch leichter wird.

      Ich finde es schade, dass die Familie hier so unversöhnlich reagiert, aber ändern können wir das nicht. Auch hier werden viele (überfüllte) Bedürfnisse hinter ihrem Verhalten stecken, die wir (derzeit) nicht befriedigen können und auch nicht wollen (wenn man es genug wollte ginge es sicher, aber den Preis würde wohl unser Sohn oder unsere Gesundheit zahlen). Auch wir haben hier Prioritäten gesetzt.

      Ich wünsche Ihnen und Ihrer Familie alles Gute!

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