Weil jeder dein Kind besser kennt als du: Phrasenbingo (1)

Unser Erziehungsansatz sieht vor, dass wir auf Charlie Browns Bedürfnisse eingehen. Wir berücksichtigen dabei sein Alter bzw. seine kognitiven Fähigkeiten. Das heißt für uns erst einmal, dass wir in seinem ersten Lebensjahr alle Bedürfnisse prompt erfüllen. Denn Babys kann man in diesem Lebensabschnitt noch nicht verwöhnen (Wunschkindblog).
(Abgesehen davon finde ich die allgemeine Einstellung immer noch befremdlich, dass man glaubt, man verzieht Kinder durch Liebe und Aufmerksamkeit, nicht aber durch eine große Auswahl an materiellen Dingen).

Nun ist Charlie Brown ein anspruchsvoller Erdenbürger, ein waschechtes 24-Stunden-Baby. Man sieht uns also mit Tragetuch wippend beim Bäcker oder im Kreis gehen, damit er schlafen kann. Lustige Grillabende mit Nachbarn lassen wir erst einmal ausfallen. Ungeachtet dessen, dass sie uns fürsorglich zum Schreien lassen raten.

Unsere Erziehung wird erstaunlich häufig kommentiert. Viele Kommentare sammeln wir unten im Phrasenbingo. Meist geht es darum, dass wir mit unserer Vorgehensweise einen kleinen Tyrannen bekommen werden. Erstaunlich viele Mitmenschen fühlen sich berufen, Charlie Brown und uns davor warnen zu müssen. Aussagen a la Haustyrann lasse ich unkommentiert, da diese Menschen ohnehin nicht empfänglich sind für Dinge außerhalb ihres Schneckenhauses. Die Zeit widme ich lieber Charlie Brown. Bei vielen Sachen klingt unterschwellig mit, dass etwas mit ihm nicht stimmt. Er hat Probleme beim schlafen, aber das haben halt manche Babys. Er ist ganz genau richtig so wie er ist!

Ein Erlebnis, in dem wir einmal durch die Bank als inkompetent befunden wurden, möchte ich erzählen. Ich hatte neulich einen Besuch von meiner Nachbarin, die mir sagte, wie sehr wir unser Baby verwöhnen. Die Einschlafbegleitung durch Tragen und Wippen würde er dann in Zukunft immer verlangen. Ihre Kinderärztin hätte ihnen das nicht erlaubt. (Meinem Kinderarzt würde ich etwas husten, wenn er mir sagt, wie ich mit Charlie Brown umgehen solle. Allein bei akutem Handlungsbedarf kann ein Arzt sich einmischen. Ich würde ihm ja auch nicht erklären, wie er sein Geld anlegen solle). Herr Griesgram fragt sich noch heute, weshalb ein Medizinstudium zu Empfehlungen auf dem Gebiet der Pädagogik bemächtigt, aber bei Erziehungsfragen ist halt jeder irgendwie Experte, sagt er…

Danach kamen die üblichen Begriffe und Formulierungen aus dem Phrasenbingo: Irgendwann schlafen sie alle, einfach Schreien lassen. Im Prinzip sagte unsere Nachbarin, dass wir ihn zu sehr verwöhnen und so einen Winterhoff’schen Tyrannen groß ziehen werden. Und der Stress würde ja nicht guttun. Nun, die Zukunft wird das zeigen.

Ich habe mich später ernsthaft gefragt, warum sie vorbeikam. Tut sie sonst nicht. Ich klingeln auch nicht an ihrer Tür und erkläre ihr wie oft ihr kleiner Sohn kooperiert und sie und ihr Mann das nicht sehen, geschweige denn ihm zeigen, dass sie ihn wahrnehmen. Viele Menschen mussten als Kinder Wut und Aggression unterdrücken, da sie sonst mit Liebesentzug bestraft wurden („Geh in dein Zimmer!“). Dadurch durften sie nie ganz sie selbst sein. Ein Teil ihrer Persönlichkeit wurde unterdrückt. Dadurch sind sie wütend und wissen oft nicht warum. Das ehemalige Schreikind Herr Griesgram hat sehr häufig diese Wut im Bauch, insbesondere dann, wenn er sich nicht verstanden fühlt. Der Teil der Persönlichkeit ist aber noch da und kommt später wieder hoch, wenn ihre eigenen Kinder wütend sind. Dann reagiert man wie man es gelernt hat und bestraft die Kinder anstatt sich ihnen zuzuwenden. Oder es kommt hoch, wenn man sieht, dass andere Eltern es anders machen. Das ist dann, so vermute ich, eine Mischung aus Neid und Legitimation der eigenen (vererbten) Erziehung.

Ich bin im übrigen nicht auf die Nachbarin eingegangen. Ich hatte einen müden Charlie Brown vor meinem Bauch und war kurz davor ihn verbotenerweise zu verwöhnen und mit dem Gymnastikball in den Schlaf zu begleiten. Ganz über den Besuch hinweg gekommen bin ich lange nicht. Er hat mich schon beschäftigt, aber auch in unserem Verhalten bestärkt. Es scheint, dass sich je eher über unsere Erziehung (sofern man das bei einem 0jährigen überhaupt so bezeichnen kann) beschwert wird, desto unsicherer die entsprechende Person ist.

Alle guten Ratschläge haben wir nun hier gesammelt. Wir werden die Liste regelmäßig aktualisieren (müssen).

Phrasenbingo

25892582706_ddec70324e_o
photo credit: 41:366:2016 via photopin (license)

Tragetuch

  • kann er denn darin atmen / bekommt er genug Luft?
  • da ist der Rücken doch so krumm, leg ihn besser in den Kinderwagen
  • und jetzt die Hände klatschen (da weiß ich immer noch nicht was das sollte, kam aber zwei mal bisher)
  • der Kinderwagen ist doch viel gesünder (nicht ganz eine Phrase, aber genauso intellent)
  • müssen Sie Pipi? (als ich beim Bäcker mit Charlie Brown hin und her wippte)

  • Schlafen

  • einfach hinlegen wenn er müde ist
  • einfach mal schreien lassen
  • ihr hättet mit dem Ball nie anfangen dürfen
  • irgendwann schlafen sie alle

  • Verwöhnen

  • er gewöhnt sich an das Tragen, dann will er das immer haben
  • er muss auch mal lernen zu warten

  • Gesundheit

  • ward ihr beim Ostheopathen? X hat das super geholfen, der Kleine war auch so unruhig

  • Sonstiges

  • Schnuller mit muttermilch tränken (das haben wir versucht. Er leckt sie gerne ab und spuckt den Schnuller dann aus. Man könnte es ja immer weiter versuchen, Dickschädel vs Dickschädel)
  • er möchte mit anderen Kindern spielen (dann würde er auch besser einschlafen)
  • er trinkt nicht genug (oder hat Hunger), deshalb schreit er
  • alle Babys mögen den Kinderwagen
  • schreien tun sie alle
  • er ist nicht müde, der will gucken
  • er muss doch Bäume sehen und Pflanzen riechen (als Charlie Brown nicht raus ging ohne bitterlich zu weinen)
  • das ist doch Theorie, die Praxis ist ganz anders
  • Dieser Beitrag wurde unter Umfeld veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permanentlink.

    Schreibe einen Kommentar

    Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

    *