Warum soll ich mein Kind nicht schreien lassen? Das Internet sagt, das ist ok!

Herr Griesgram und ich waren letztens mit Charlie Brown spazieren. Da sahen wir eine Frau mit ihrer kleinen Tochter, die hinter ihr her lief und einem schreienden Baby im Kinderwagen. Sie hat sich nicht mit ihrem Baby beschäftigt, weder hat sie es angesehen, noch mit ihm geredet, geschweige denn hochgehoben zum trösten. Das arme Würmchen lag bitterseelenallein im Kinderwagen und weinte. Das hat mich sehr traurig gemacht. Denn es ist sehr schlimm für Babys, wenn sie alleine weinen müssen. Sie können sich noch nicht selbst regulieren. Daher an dieser Stelle nun ein Plädoyer dafür, Babys nicht alleine schreien zu lassen.

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Es gibt mehrere gute Gründe (physische und psychische), weshalb Babys nicht alleine schreien sollten. Schreien bedeutet Stress für das Baby. Es schüttet dabei das Stresshormon Cortisol aus. Weil es sich nicht selbst regulieren kann, kann dieses Hormon nur mit der Hilfe der Eltern abgebaut werden. Zum Beispiel durch kuscheln. Baut es sich nicht ab, fällt der Körper in einen Notfallmodus und das Baby schläft ein. Das beeinflusst jedoch den Hippocampus dauerhaft. Das ist der Teil des Gehirns, der für Stress und Angst zuständig ist. Zudem wirkt Cortisol toxisch. Es kann zu Verzögerungen im Wachstum und Lernen führen. (Quellen sind bspw. Wunschkindblog oder geborgen wachsen). Auch die psychischen Auswirkungen sind immens. Babys verlieren ihr Urvertrauen, da sie immer wieder im Stich gelassen werden. Dies wirkt sich nachteilig auf ihr Bindungsverhalten aus. Ein Leben lang.

Ich wage zu behaupten, dass wir nachvollziehen können, warum manch einer beispielsweise ein Schlaftraining mit den Kleinsten durchführt. Charlie Brown schläft schlecht, am Tag oft nur eine halbe Stunde am Stück und auch die ist mit großer Hilfe für ihn verbunden. Momentan wacht er nachts um 4 Uhr auf und Herr Griesgram wippt anschließend mit ihm auf dem Gymnastikball. Man sucht also im Internet nach Lösungen und stößt dabei zwangsläufig auf das Buch „Jedes Kind kann schlafen lernen“. Babys ab dem 6ten Lebensmonat werden hierbei kontrolliert schreien gelassen und „lernen“ so das Schlafen.

Da bekommt man schon mal Bauchweh, doch zum Glück findet man viele „Fachleute“, die behaupten, dass es gar nicht schlimm sei. Ich habe hier ein paar Auszüge gesucht und gebe dazu meine Anmerkungen.

Zunächst gibt Frau Kast-Zahn diverse Interviews, in denen sie ihre Methode propagiert. Beispielsweise in der Wunschkindblog

Sucht man im Internet nach Lösungen stößt man schnell auf babycenter.de. Hier wird gesagt: „Wenn es weint, entscheiden Sie über den nächsten Schritt. Die meisten Experten raten, ein paar Minuten zu warten, um zu sehen, ob Ihr Baby sich wieder beruhigt“. Das ist eine ganz perfide Aussage, gleich in mehrerer Hinsicht. Zum einen, da das Baby wirklich irgendwann nach ein paar Minuten frustriert aufgeben wird, weil es lernt, es bringt nichts. Zum anderen, da gesagt wird „die meisten Experten raten“ dazu, wird suggeriert, es wäre das Beste für das Baby. Leider wird nicht ein Experte genannt, geschweige denn die meisten. Vieles was ich gelesen habe deutet darauf hin, dass die Bedürfnisse prompt erfüllt werden sollten (hier ein paar Beispiele)

  • Tragen reduziert schreien.
  • Kindlicher Schlaf ist ein Reifeprozess
  • Ein potenzieller Experte bezüglich des Artikels auf Babycenter.de könnte Herr Weissoertel sein. Er schlägt bei exzessivem Schreien folgendes vor: „Läßt sich das Ihr Baby innerhalb von 10 Minuten nicht beruhigen, will es alleingelassen werden. Lassen Sie es 10 – 15 Minuten alleine im Bettchen, es braucht die Chance zu lernen sich selbst zu beruhigen.“

    Babys können sich nicht selbst regulieren. Sie sind auch nicht gerne alleine in ihrem Bett und liegen dort ein (Herbert Renz-Polster). Babys brauchen Körperkontakt. Angenommen ich habe ein Buch über Astrophysik vor mir liegen und einen Physiker, der mir helfen kann, Astrophysik zu lernen. Dann ist das immer noch schwer zu lernen. Wenn besagter Physiker aber nach 15 Minuten sagt „Frau Sonnenschein, Sie haben ja immer noch nicht Astrophysik gelernt. Ich bin wohl leider keine Hilfe, ich denke sie wollen das lieber alleine machen“ und dann verschwindet er, dann fühle ich mich nicht besser, geschweige denn, dass ich die Physik nun könnte.

    Weitere Experten sind leider die Deutsche Gesellschaft für Schlafforschung und Schlafmedizin und die Universität Freiburg. Auch hier wird kontrolliertes Schreien als Schlaflernprogramm verkauft. Anders sieht man das an der Universität München, genauer am Haunerschen Kinderspital. Karl Heinz Brisch (Chef der Psychsomatik) führt an, dass das ferbern zu Entwicklungsverzögerungen führen kann. „Schreien Kinder, ist das ein für Eltern deutlich zu lesendes Signal: Hier braucht es Achtsamkeit, Behutsamkeit und natürliches Interesse – schlicht Liebe“, sagt Florian Heiner (Chef der Neuropädiatrie).

    Um das schreien lassen zu legitimieren, werden gerne Studien zitiert, bspw. hier im Frauenzimmer. Auf der wissenschaftlichen Ebene gibt es tatsächlich kontroverse Studien. Eine aktuelle Studie von Michael Gradisar findet nur gering oder moderat erhöhte Cortisol-Werte bei Babys, die schreien gelassen wurden. Sie kontrollieren erneut nach einem Jahr und schlussfolgern letztendlich, dass kontrolliertes Schreien ungefährlich ist. Ich habe den Artikel nicht frei zugänglich finden können, doch die Teilnehmerzahl ist klein und es wurden erhöhte Werte gefunden, zudem wurde erst am nächsten Morgen gemessen. Herr Griesgrams und mein Bauch sagt, dass sie irgendwo Ergebnisse hinbiegen mussten. Denn die frei verfügbaren Inhalte der Studie sind zu gut, gerade für eine kleine Stichprobe. Das klingt absurd, ich weiß. Aber ich beschäftig(t)e mich tagein und tagaus mit Daten und Statistiken und wann immer ich so gute Ergebnisse hatte, waren die extrem anfällig für kleine Änderungen („nicht robust“). Das ist jedoch problematisch in der Interpretation. So findet beispielsweise eine Studie der Universtiät Texas erhöhte Cortisol-Werte. Eine ausführliche kontroverse Auseinandersetzung mit den Ergebnissen zum Schreien lassen ist hier.

    Die meisten Studien beschäftigen sich mit der Effektivität der Maßnahme, diese gilt als gesichert. Die Langzeitauswirkungen sind jedoch noch nicht untersucht. Selbst Übersichtsstudien sind sich uneins. Mindell et. al zeigen, dass eine Mehrheit der Ergebnisse für die Effektivität von Schlaftraining spricht, die negativen Effekte jedoch nicht eindeutig belegbar sind. Andererseits zeigen Schön et. al die physiologischen und psychologischen Vorteile von der bedürfnisorientierten Erziehung und sagen, dass dies die Bindung fördert. Weitere Gegner des ferberns findet man hier. In jedem Fall ist das ganze nicht so eindeutig wie es im Frauenzimmer klingt.

    Es wäre natürlich schöner, wenn es eindeutige Ergebnisse gäbe. Dies ist aber eher selten der Fall. Ich persönlich glaube, dass Schreien lassen schlecht für Kind (und Mutter sowie Vater) ist. Zum Schluss noch ein paar Studien, die für eine bedürfnisorientierte Erziehung sprechen:

  • kindliches Schlafverhalten erleichtert das lernen (Tarullo et. al)
  • Zuwendung zum Baby führt zu gesündere ln, produktiveren, empathischerern Erwachsenen (Narvaez et. al)
  • Als ich mit diesem Beitrag begonnen habe, hatte ich eindeutigere wissenschaftliche Ergebnisse erwartet (zumindest erhofft). Leider gibt es die nicht, aber im Zweifel besser vorsichtig sein und das Kind nicht schreien lassen. Und noch ein letztes Wort zu den Studien. Mein Eindruck war, dass die Ergebnisse, die für das ferbern sprechen, von den Universitäten kamen, die diese Methode in ihren Schlaflaboren anbieten. Universitäten, die diese Methode nicht nutzten in ihren Schlaflaboren oder sogar ohne Schlaflabore fungierten, fanden eher die Gegenargumente.

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