Die ersten 72 Stunden mit Charlie Brown

Tag der Geburt

Charlie Brown erblickte an einem Sonntagmorgen um knapp nach 10 Uhr das Licht der Welt. Er kam in meine Arme und ich war verliebt. Unendlich und unsterblich verliebt. Aber ich war auch etwas überfordert, wie ich nun mit diesem kleinen Erdenbürger umgehen sollte.

Natürlich habe ich mich vorher informiert. Ich wusste also ’schnelles Anlegen‘ ist wichtig. Allerdings ist das informieren im Vorfeld so eine Sache. Denn die Krux ist, man weiß ja nicht was kommt. Also liest man etwas, aber ein Baby war selbst in der Schwangerschaft so abstrakt, dass ich dachte „wird schon passen, dafür habe ich Fachpersonal vor Ort und eine Hebamme“. Stattdessen beschäftigte ich mit Schwangerschaftsthemen wie Feindiagnostik, Wachstum und später Geburt. Ich bin wirklich leider nicht sehr proaktiv hier. Eher ‚on-demand‘.

So, nun war Charlie Brown auf meinem Bauch, aber er machte keine Anstalten von alleine zu trinken. Also kuschelten wir. Wir kamen dann zur Erholung erst in ein Vorgeburtszimmer (der Kreißsaal wird ja auch weiter gebraucht) und ich versuche ihn an die Brust zu setzen. Er trank nicht. Na gut, also wartete ich. Das klang im Internet leichter.

Newborn beeing checked by Doctor with stethoscope a few minutes after birth
photo credit: Nutrition in the 1,000 Days via photopin (license)

Auf der Wöchnerinnenstation wurden wir auf unserer Zimmer gebracht und wir sollten uns bei Stillproblemen melden. Also fragte ich nach. Wir hatten kein Stillproblem, wir stillten gar nicht. Da sagte man mir, das wäre ganz normal. Ihm wäre übel, weil er so viel Fruchtwasser geschluckt hat. Ich versuchte es weiter.

Mittlerweile hatte ich den Milcheinschuss und meine Brüste waren groß und hart und heiß. Ich versuchte immer mal wieder meinem Sohn die Brust zu geben, doch er dockte einfach nicht an.

Mit dem Schichtwechsel kamen neue Ratschläge. Zum ersten Mal verfrachtete man mich ins Bett und ich sollte unter Anleitung stillen. Ich setze mich auf das Bett und wollte anlegen. Alles falsch. Ich muss ein Stillkissen verwenden. Also setzte man mich „bequem“ zurecht, Stillkissen auf den Schoß, Baby darauf und rammte meine Brust in seinen Mund. Er trank nicht, also zwickte man ihn hier und da, schmierte Glukose auf meine Brust und begann von vorn. Er trank nicht. Ich fühlte mich unendlich unwohl.

Irgendwann fing er an zu weinen. Das müssen Bauchschmerzen wegen des Fruchtwassers sein, sagte man uns (er hat ja keinen Hunger, sonst würde er trinken). Wir trugen also unser Baby herum und beruhigten ihn. Dann riet man uns, ihm den kleinen Finger zum nuckeln zu geben. Und Charlie Brown saugte wie ein Weltmeister.

Ich denke die bevorzugte Art der Hilfe hier ist eine Typenfrage. Einige Leute brauchen eher sanfte Hilfe zur Selbsthilfe und andere brauchen eher direkte Hilfe. Ich bin ganz klar der erste Typ, im Krankenhaus war die Auslegung (bis auf eine Ausnahme) eher der zweite Typ. Ich wurde also immer unglücklicher. Mein Kind trank nicht (dabei ist das doch so wichtig) und ich konnte nicht mal stillen. Das ist doch das Natürlichste der Welt! Jeder Depp kann stillen.

Nachts wurde gewogen, Charlie Brown verlor schnell an Gewicht. Alles kein Problem, ihm ist übel. Er darf bis zu 10% seines Startgewichtes verlieren.

Tag 1

Mit dem Schichtwechsel kamen die nächsten Tipps. Zunächst muss der Stillstuhl ausprobiert werden. Also wieder mich „bequem“ hineinsetzen, das Stillkissen in die korrekte Position bringen, Baby darauf und Brust hineinrammen. Er trank immer noch nicht. Mittlerweile seit 24 Stunden.

Der nächste Schichtwechsel kam und damit die nächsten Anweisungen. Die Schwester kam herein und sah uns mit dem Finger in Charlie Browns Mund zwecks Beruhigung des Kleinen. Was wir denn machen würden?!? So würde sein Hungergefühl unterdrückt und langsam müsste es mal etwas werden mit ihm. Nach einem erneuten erfolglosen Versuch „bequem“ auf dem Bett bekam ich ein Stillhütchen. Und Charlie trank! Endlich! Ich legte ihn von nun an wann immer ich konnte.

In der Nacht wurde er gewogen und hatte fast die 10% seines Startgewichtes verloren. Kein Problem. Darf er ja auch!, so die Nachtschwester.

Tag 2

Ich konnte ja nun endlich stillen. Also setzte ich mir das Hütchen auf und legte ihn an so oft und gut ich konnte. Ab und an kam wieder Fachpersonal, setzte mich „bequem“ hin mit Stillkissen und Baby und nun auch noch zwei Stoffwindeln unter den Brüsten. Spaß sieht anders aus.

Nachts dann wieder wiegen. Und er hatte nun die 10%-Schwelle erreicht. Auf den Punkt. Da wurde auf einmal alles hektisch und ich sollte doch eine Stillprobe abgeben. Ich sagte, dass ich gerade gestillt habe. Macht nichts, trotzdem! Nun, überraschenderweise war diese Probe miserabel. Er nicht hungrig, nur müde und ich noch kein Stillprofi. Also hatte er gerade mal 5g getrunken, wie der Vorher-Nachher-Vergleich mit der Waage ergab.

Daraufhin musste ich dann zufüttern. Ich sagte erst einmal, dass ich das nicht möchte. Man antwortete, dass das natürlich meine Entscheidung sei, aber die 10% sind erreicht und das wäre sehr gefährlich nun. Mehr oder weniger hörte ich, dass ich mein Kind umbringe, wenn ich nicht sofort zufüttere. Da es zwei Tage nach der Geburt war und mitten in der Nacht, konnte ich nicht denken, also wurde zugefüttert. Charlie Brown hat das mitgemacht (er hat es heute auch noch gerne, wenn er nicht selber trinken muss, die faule Maus). So ging ich also zwei Stunden später bedröppelt ins Bett und fragte mich, was ich nur falsch mache.

Tag 3 – Die Entlassung

Wir waren an der 10%-Marke und man war in Aufruhr. Nun sollte ich Milch abpumpen, da ich ja sicherlich nicht genug hätte. So wurde also die Melkmaschine geholt und ich abgepumpt. Die Menge stimmte. Hm. Na gut. Dann passt das wohl. Ich flößte Charlie Brown die Milch ein und endlich machten wir uns bereit für den Heimweg. An diesem Tag war die U2 und sein Gewicht war leicht gestiegen. In kleinen Schritten zwar nur, aber immerhin. Wir durften heim. Puh. Schnellster Weg nach Hause, Blick nach vorne.

Resümee

Ich habe die Zeit als unglaublich stressig empfunden. Ständig kam jemand und zurrte an mir oder Charlie Brown herum. Diese Sache mit dem Stillen ärgert mich jedoch. Hätte man mich im Kreißsaal schon anlegen lassen, hätte es vielleicht sofort geklappt.

Genauso in den nächsten Tagen. Hätte man zu mir gesagt „Frau Sonnenschein, versuchen Sie doch das Stillhütchen. Sie haben große Brüste, vielleicht tut er sich damit noch schwer“, dann hätte ich das auch gemacht. Heute weiß ich auch, dass Neugeborene nur am Finger saugen, wenn sie hungrig sind. Mein Kind hatte Hunger und mir wurde gesagt ihm ist übel! Da mache ich mir jetzt noch Vorwürfe.

Man hätte da seitens des Krankenhauses einfach (mehr) proaktiv sein können. Stattdessen wurden wir uns überlassen und auf einmal gab es großen Stress. Wir waren eigentlich nur überfordert. So hatten Charlie Brown und ich einen holprigen Start, waren aber immerhin gemeinsam in dieser Misere. Herr Griesgram hat hier beschrieben, wie diese Tage für ihn waren.

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