Hör auf mich, ich weiß es besser – wie viel Einmischung ist richtig?

Mein Mann, der Herr Griesgram, ist ein Missionar. Wenn er überzeugt ist, dann möchte er alle überzeugen. Ob sie wollen oder nicht. Dies ist ein weit verbreitetes Phänomen, insbesondere bei Müttern (Eltern). Stichwort „Mommy Wars“. Andererseits ist man selbst immun gegen Ratschläge (obwohl doch jeder mein Kind besser kennt als ich).

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photo credit: Mighty Megan via photopin (license)

Gründe, warum man es besser weiß…

Menschen sind geborene Besserwisser. Der ventromediale präfontale Cortex ist der Moralapostel des Gehirns, sowohl für unsere eigenen Handlungen als eben auch für die Handlungen anderer. Sehen wir beispielsweise wie jemand achtlos Müll wegwirft, dann sorgt der präfrontale Cortex dafür, dass wir das nicht gut finden. Er sorgt auch dafür, dass wir nicht zu dieser Person gehen und sie schlagen. Je wichtiger uns etwas ist, umso stärker reagieren wir. Sehen wir also wie eine Person anders mit seinem Kind umgeht als wir, dann bewerten wir dies nicht nur sofort, sondern es ist auch gleich dramatisch wichtig für uns. Gründe hierfür sind die eigene Unsicherheit, die Last, der alleinige Entscheidungsträger zu sein, und die Erlebnisse aus der eigenen Kindheit.

Oft ist man als Elternteil wahnsinnig auf sich allein gestellt. Von wegen
„ganzes Dorf“… Und man muss täglich Entscheidungen treffen, die das Leben des Kindes mehr oder weniger beeinflussen. Da man natürlich sein Kind liebt und eben so allein ist, fühlt sich so jede Entscheidung enorm wichtig an. Um sich selbst zu überzeugen, möchte man dann andere überzeugen. Immer! Und überall!

Zudem ist man häufig selbst auch völlig unsicher, wie man sich am besten verhält. Das Endergebnis zeigt sich ja erst viele Jahre später. Wir handeln also nach bestem Wissen und Gewissen, wandern dabei aber doch oft im Nebel. Wir haben daher das Bedürfnis, uns selbst von unserem Handeln zu überzeugen, und das tun wir, indem wir andere überzeugen. Ähnlich wie beim Lernen. Man lernt am besten wenn man es erklärt. Der Mensch ist so gestrickt.

Üblicherweise ist man erzogen worden mit Lob und Strafen. Das hat dazu geführt, dass man sich nicht frei entfalten konnte. Insbesondere Angst oder Wut mussten oft unterdrückt werden. Diese enormen Gefühle kommen wieder hoch, bei den eigenen Kindern, aber auch wenn man sieht, dass Dritte Situationen völlig anders lösen. Dadurch hat man das Bedürfnis, andere zu überzeugen (in die eine oder andere Richtung). Hier oder hier kann man das nachlesen.

…und warum es einem nicht egal ist

Die Unsicherheit, die einen kritisieren lässt, sorgt auch dafür, dass man nicht gerne kritisiert wird. Einerseits fühlt man sich in der Mutterehre gekränkt, andererseits schürt die eigene Unsicherheit die Selbstzweifel. Und meist reagiert der Körper auf diese ambivalenten Gefühle mit Wut und Empörung. Oft passiert diese Kritik zudem in der Öffentlichkeit, was es natürlich nicht leichter macht, damit umzugehen.

Wann sollte man etwas sagen?

Eine schwere Frage ist, ab wann man sich bei Dritten einmischen sollte. Ich würde hierbei unterscheiden zwischen alltäglichen Situationen (wie bei der Frühlingskindermama), kniffligen Situationen und extremen Situationen (man sieht, dass ein Kind geschlagen wird).

Alltägliche Situationen, wie das Teilen von Spielzeug bspw., würde ich NIE ansprechen. Ich kenne die Situation nie genug, um mir ein vollständiges Bild machen zu können. Eltern haben doch eigentlich unglaublich viele Gemeinsamkeiten. Man kennt Schlafmangel, Frust, das Gefühl fremdbestimmt zu sein, der Druck von verschiedenen Seiten und diese unglaubliche Liebe. Da sollte man doch solidarisch sein und nicht auf den kleinen Unterschieden herum reiten nur um sich kurzfristig etwas sicherer zu fühlen.

Nun, extreme Situationen sind genau das! Wird ein Kind misshandelt, dann muss man eingreifen (im übrigen nicht nur bei Kindern. Wird jemand auf offener Straße verprügelt, sollte man auch die Polizei rufen). Immer ansprechen, egal, wer vor einem steht.

Die Frühlingskindermama beschrieb einmal eine knifflige Situation. Sie holte ihr Kind aus der Kita und eine Mutter berichtete, dass sie ihr Kind zum Schlafen lernen habe schreien lassen. Da will man etwas sagen, aber auch wieder nicht. Da würde ich gucken, ob sich mal eine gute Situation ergibt, dies gewaltfrei zu kommunizieren. Es könnte auch besser sein eine Autoritätskraft, wie einen Erzieher, zu bitten, hier das Thema anzusprechen. Viele Menschen reagieren besser auf Autoritäten (zugegebenermaßen wäre mir persönlich das egal).

Der Anlass dieses Beitrags

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photo credit: Theia via photopin (license)

Unsere Mittelschichtnachbarn haben einen kleinen Sohn, Benjamin (18 Monate alt). Sie kümmern sich um ihn, er ist gut versorgt und wird auch geliebt. Allerdings sind beide sehr ‚klassisch‘ in ihrer Erziehung. Benjamin hört den ganzen Tag nur „Nein!“. Er muss denken er macht alles falsch, egal wie er sich anstrengt. Selbst den Sand kippt er mit der Schüppe in die falsche Ecke des Sandkasten. Und (noch) gibt sich Benjamin große Mühe. Der arme Kerl musste in seinem 10ten Monat schlafen lernen und nun durchlebt er Töpfchentraining. Es sind eher viele kleine Situationen als etwas Großes.

Da möchte Herr Griesgram einschreiten. Und zwar vehement! Ich würde Benjamin auch schrecklich gerne helfen, jedoch fürchte ich, dass es die Situation verschlimmert. Meine Frau Nachbarin kam schon einmal zu mir, um mir zu sagen, was wir alles falsch machen. Das kam nicht gut an bei mir. Sie trägt ihre Unsicherheit also wie ein Flaggschiff vor sich her und versucht zu bekehren. Ein Versuch der (gewaltfreien) Kommunikation würde vermutlich auf taube Ohren stoßen. Zudem habe ich ein sehr großes Harmoniebedürfnis. Das lässt mich feige reagieren. Daher weiß ich (noch) nicht, was ich hier für richtig halte.

Herr Griesgram meint dagegen, Benjamin würde misshandelt, da im Gesetzestext steht, jede üble und unangemessene Behandlung eines Menschen, die dessen körperliche Unversehrtheit oder das körperliche Wohlbefinden mehr als nur unerheblich beeinträchtigt, sei eine Misshandlung. Allerdings passiert ja nichts großes Schlimmes, es sind nur die stetigen Tropfen auf die Seele des Kindes, die am Ende für das Päckchen sorgen, welches Benjamin für den Rest seines Lebens mit sich zu tragen hat.

Da stehen wir nun und wissen nicht was wir tun sollen. Vielleicht sitzen wir die Situation aus? Wir wollen ja auch nicht, dass uns jemand hereinredet (so wie unsere Nachbarn es bei uns tun). Aber sollte das Wohl des Kindes nicht an erster Stelle stehen und über unserem Bedürfnis nach einer (halbwegs) harmonischen Nachbarschaft?

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Ein Gedanke zu „Hör auf mich, ich weiß es besser – wie viel Einmischung ist richtig?

  1. Vielen lieben Dank für’s Verlinken und den schönen und wichtigen Text! Ich stimme in allem zu, aber es ist wirklich manchmal eine schwierige Gratwanderung, das (Nicht-)Einmischen. Im Kopf hat man immer schnell Urteile über andere parat, aber das Zurückhalten dieser Urteile müssen viele Menschen noch lernen. Um dann aber im richtigen Moment, wenn es wichtig ist, aufzustehen und einzugreifen. Sehr sehr schwierig!

    Eure Situation mit den Nachbarn ist heikel, ich hatte ein ähnliches Problem beim Umgang von Bekannten mit ihrem Kind, den ich nicht gutheiße (den Umgang). Ich habe das durchgezogen, was ich für richtig hielt und mich taub gestellt bei sämtlichen Missionierungsversuchen. Langsam und vorsichtig habe ich meine anderen Ansätze lediglich beschrieben, ganz ohne zu missionieren. Lustigerweise stießen sie auch über meine Likes bei Facebook auf Texte und Ansätze, die mir wichtig sind, und lasen auch einiges davon. Der Umgang grundsätzlich ändert sich deshalb bei ihnen nicht, aber zumindest lassen sie mich mittlerweile in Ruhe und sind vorsichtiger in ihren Urteilen geworden, weil sie gesehen haben, dass der bindungsorientierte Weg im Netz weit verbreitet und hoch angesehen ist. Aber es ist eine schwierige Situation, vor allem auch, wenn eure Kinder größer werden, sich gegenseitig besuchen und vergleichen. Vielleicht könnt ihr mal über ein lockeres Gespräch über eure jeweiligen Kindheiten mit den Nachbarn ins Gespräch kommen, also was hat wer wie empfunden als Kind und wie macht man es jetzt bei den eigenen Kindern? Vielleicht werden sie dann etwas nachdenklich…
    Liebe Grüße!

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