Was der Bauer nicht kennt…

Kennt ihr das Sprichwort „man muss auch mal über den Tellerrand schauen“? Da denkt jeder, inklusive mir, „klar, mach ich!“. Ständig. Ich bin total offen und frei von Vorurteilen. Aber ehrlich, man macht das ja andauernd. Schublade auf, Person / Verhalten usw rein und zu. Und das ist menschlich und gesund. Es führt aber dazu, dass Herrn Griesgram und mir manchmal einfach unterstellt wird, wir übertrieben.



photo credit: sniggie Young farmer drives tractor on Main via photopin (license)

Das ganze heißt Backfire Effekt und sagt simplifiziert, dass unser Verstand manche Dinge einfach nicht akzeptieren kann, sonst stürzt der Kopf in eine Krise. Also genaugenommen der präfontale Kortex, der unser Steuerungsorgan im Gehirn ist. Und der ist ja auch für unser Bauchgefühl verantwortlich. Und triggert uns, was ja bei Kindern häufig passiert.

Aktueller Anlass für meinen Text war ein Gespräch mit einer Freundin. Ich sagte, dass Charlie Brown nicht beim Papa bleibt und ich immer nachts bei ihm liege und seit seiner Geburt nicht eine Stunde mal nur für mich hatte. Bei der Einschlafbegleitung war sie noch gedanklich dabei, wobei sie sich etwas zurück zog, weil es ja eigentlich langsam mal leichter wird. Aber sie konnte nicht glauben, dass er nicht beim Papa bleibt oder auch nicht irgendwie betreuungsfähig ist. „Er war doch so entspannt letztens“. Und da kriege ich mittlerweile Hals! Natürlich kann man von einmal kurz kennenlernen seine Rückschlüsse ziehen und natürlich kann man glauben, dass es so ist wie in der eigenen Erfahrung. Aber dann liegt man häufiger falsch als man glaubt.

Das Gespräch stockte, sie denkt „die helikoptern doch nur“ und ich fühle mich alleine und unverstanden. Und der Grund, dass man es eben nicht akzeptieren kann, liegt im präfontalen Kortex, man ist getriggert und glaubt der informierenden Person nicht mehr.

Das passiert mir übrigens auch und ich versuche sehr offen zu bleiben. Wenn mir jemand sagt „mein Baby wollte nicht getragen werden“, dann denke ich zuerst „jaja, bestimmt ne Blockade. Alle Babys wollen getragen werden“. Aber ich habe diesen Spruch jetzt so oft gehört und in meinen imaginären Spuckbeutel im Strahl reingekotzt, dass ich das nun glaube. Denn Kinder sind unterschiedlich! Wirklich. Es gibt Kinder, die wollen nicht getragen werden. Und solche, die kommen in den Krisensurvivalmodus, wenn die Mama zu lange wegbleibt.

Das wird natürlich alles mit der Zeit besser. Weiß ich auch. Und dann kommen oft selbige Personen und sagen (oder denken zumindest) „siehste, hab ich doch gesagt“. Rechthaberei ist nämlich auch menschlich. Aber da war dann die Zeit und die braucht manches Kind einfach. Einige sind da schneller und andere in etwas anderem flinker. Es ist nur einfach nichts woran er sich zwanghaft gewöhnen muss. Es ist echte blanke Panik und ich glaube die wenigsten würden das ihrem Kind antun wollen.

Eine andere Freundin riet mir diesbezüglich doch einfach eine Woche wegzufahren. Das würde das Band zwischen Vater und Sohn stärken. Natürlich würde es das! Ich würde damit ja unser Band zerreißen und sein Urvertrauen zumindest nachhaltig stören.

Selbige Freundin ist nach einem Jahr arbeiten gegangen und ihre Tochter hat gelitten. Es dauerte drei Monate bis sie nicht mehr so viel weinte, sie hat in dieser Zeit abgestillt (die Tochter, die Mutter hätte gerne weiter gestillt) und heute ist der Papa Bezugsperson Nummer 1. Und das ist schwer zu ertragen für meine Freundin.

Wenn man das weiß, versteht man ihren Rat besser. Unterbewusst lief da nämlich einiges ab. Sie hat Schuldgefühle und ist traurig und sucht Bestätigung und Zusammenhalt. Zusammen ist man weniger alleine, auch wenn es um Teilaspekte im Leben geht. Auch das ist total verständlich.

Nun, wir machen das natürlich nicht. Und für meine Freundin tut es mir leid, denn ihre Tochter ist super klasse und sie haben diese Zeit gemeistert. Ich möchte das allerdings nicht meistern. Selbst wenn Charlie Brown sein Urvertrauen behält, ich möchte Mama, the-one-and-only, bleiben. Denn auch wenn etwas mehr Zeit für mich schön wäre, ich finde unser Band unglaublich schön und bin froh wie schmusig Charlie Brown ist und wie sehr er mich noch dabei haben will.

Denn, auch das ist klar, es wird der Tag kommen an dem ich ihm peinlich bin.

Was ich aber immer mehr begreife ist, dass die Hintergrundprozesse im Gehirn stark sind und unsere Entscheidungen und Glaubenssätze maßgeblich beeinflussen und das berücksichtigte ich bei Ratschlägen nun. Sowohl wenn ich Rat gebe als auch wenn ich ihn bekomme.
Quellen:

  • http://theoatmeal.com/comics/believe
  • http://bigthink.com/think-tank/the-backfire-effect-why-facts-dont-win-arguments

Ein Gedanke zu „Was der Bauer nicht kennt…

  1. Es gibt aber schon einen Unterschied zwischen einer Woche wegfahren und sich einmal in der Woche für eine Stunde Zeit für sich selbst zu nehmen und dem Vater des Kindes die Möglichkeit zu geben sich alleine um sein Kind zu kümmern.

    Ich finde es immer wieder beeindruckend, dass es überhaupt noch Väter gibt, die das so – wie oben dargestellt – mitmachen. Wenn sich Ihr Kind nun zu einem „Papakind“ entwickelt, würde der Vater des Kindes augenblicklich seine berufliche Tätigkeit aufgeben um das Urvertrauen zum Kind nicht zu zerstören?

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