Meine Mutter und ich

Bei Tante Emma gibt es eine Blogparade zum (schlechten) Verhältnis zu den Eltern und wie es durch die eigenen Kinder schlechter wurde. Nun. Das ist unser Thema! Faust, Auge. Ihr wisst schon… Ich nutze das also und schreibe mir alles von der Seele.



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Um das Folgende besser zu verstehen, beginne ich mit meinem Hintergrund. Also, ich bin Einzelkind. Ungeplant. Eigentlich war ein zweites Kind gewünscht, aber dann haben meine Eltern beschlossen sich selbständig zu machen und dann hatten sie keine Lust mehr aufeinander. Shit happens.

Mein Vater war Alkoholiker solange ich mich zurück erinnere. Ich habe einige Erinnerungen, in denen er mit mir gespielt hat. Ich durfte auf seinem Rücken reiten und wir haben zusammen gebadet. Da war ich vielleicht drei. Ansonsten erinnere ich mich an ihn als desinteressiert und cholerisch. Er hat mich mit etwa vier Jahren in einer Kneipe vergessen, mit etwa fünf Jahren auf einem großen Stadtfest verloren.

Meine Eltern waren selbständig, den Urlaub verbrachte man getrennt, also immer nur ein Elternteil mit mir. Der Urlaub mit meinem Vater sah so aus, dass wir große Pläne für den nächsten Tag hatten, er zu viel trank und nicht aufstand und ich den Tag alleine verbrachte. Die einzige Ausnahme war ein Urlaub. Da waren mein Cousin und meine Cousine mit dabei. Er unternahm unglaublich viel mit meinem Cousin. Nicht mit mir. Bin halt kein Junge.

Mit der Zeit wurde er immer cholerischer, brüllte rum, schmiss mit Gegenständen (in meine Richtung), schüttelte mich oder zog mich am Arm. Er war unzuverlässig, dreckig und ich habe mich hinterher richtig vor ihm geekelt. Dann hatte er eine Affäre und meine Eltern trennten sich, als ich etwa vierzehn Jahre alt war. Ich glaubte (und glaube wohl immer noch irgendwie) wenn ich nur besser wäre, dann würde er mich richtig lieben. Aber ich war nicht gut genug.

Heute glaube ich, dass er einfach kein Selbstbewusstsein hatte und meine Mutter (mit ihrer sehr starken unnahbaren Art) keine gute Partnerin für ihn war. Seine Probleme wurden von allen bewusst übersehen und die Familie war damit scheinbar intakt. Ändert aber nichts, er war kein guter Vater.

Meine Mutter war also mein Anker. Sie war verlässlich und stark. Mit der Zeit veränderte sich unsere Beziehung. Mein Vater war außen vor und es waren nur noch wir zwei. Mir wurde dadurch sehr viel Verantwortung übertragen. Es musste ja alles am laufen bleiben. Ich meine nicht Verantwortung im Haushalt oder so. Das war sogar eher wenig. Verantwortung, dass es rund läuft. Nicht jammern, stark sein, Mama helfen! Gefordert war bedingungslose Loyalität.

Für ihre Liebe erwartet meine Mutter völlige Hingabe, Unterstützung und Dankbarkeit. Und am besten Übereinstimmung mit ihren Idealen. Ich lernte Klavier, weil sie es nie durfte, ich studierte Mathe, weil sie das für gut hielt. Die Liste ist endlos. Wenn ich nicht zustimmte, wurde erst gesagt, wie enttäuscht sie von mir ist und dann solange geschwiegen bis ich einknickte. Ich knickte immer ein. Egal was ich dachte. Immer. Ansonsten wäre ich ja völlig alleine gewesen. Da war ja sonst keiner in meinem Team. Ganz abgesehen davon, dass mir mein Studium nur finanziert würde, wenn ich etwas „Vernünftiges“ studiere.

Mit der Zeit erwartete sie auch immer mehr, dass ich ihre Erwartungen an mich antizipiere. Ich musste immer raten, was richtig war und wenn ich falsch lag, dann war sie enttäuscht und ich musste mich entschuldigen. Ich habe das nicht mal hinterfragt und ich war wirklich gut darin (ihre) Gefühle zu erraten.

Es ist an Absurdität nicht zu übertreffen, dass ihr Lieblingsspruch ’nur sprechenden Menschen wird geholfen‘ ist. Oder, dass sie zehn Jahre lang nicht sah, wer mein Vater war und was das mit mir machte. Mit Beginn der Pubertät habe ich ihn gehasst. Ich habe geschrien und gebettelt, aber sie hat mich in meinem Kampf völlig alleine gelassen. War ja „nur“ Pubertät.

Als ich zweiundzwanzig war verstarb mein Vater und hinterließ eine gute Portion Ärger. Auch hier war meine Mutter da, aber zu ihren Konditionen. Nichtsdestotrotz hatte ich immer das Gefühl ein besonders gutes Verhältnis zu ihr zu haben. Die Reflektion kam erst später. Eine tolle Mutter-Tochter-Verhältnis a la Gilmore Girls.

Meine Mutter heiratete neu und ihr Mann hat einen Sohn. Meinen lieben Stiefbruder. Die beiden sind ein ganz eigenes kaputtes Verhältnis. Vor ein paar Jahren brach mein Bruder komplett mit den beiden und ich bin heute noch überrascht, dass ihre Geschichten zu den Vorkommnissen grundverschieden sind. Also wirklich grundverschieden. Bei ihnen war es ein anderer Auslöser, wobei mein Bruder da reflektierter ist und sich selbst auch kritisiert.

Ich glaube heute, dass meine Mutter (auf Grund ihrer eigenen sehr schweren Kindheit) narzisstische Tendenzen hat. Sie erlaubt nur ihre Meinung, macht keine Fehler, erträgt keine Kritik und hat die Empathie eines Baumstammes. Ist man jedoch loyal, dann ist sie (materiell) unglaublich großzügig und hilfsbereit.

Meine Gefühle zu meinen Eltern, dass wird mir auch hier beim Schreiben bewusst, sind sehr unterschiedlich. Ich bin stinksauer auf meinen Vater. Richtig rasend. Von meiner Mutter fühle ich mich enttäuscht und bin traurig. Einfach unglaublich traurig. Und ich verstehe sie nicht. Ich könnte nie so mit Charlie Brown umgehen. Aber mit meinem Vater setze ich mich auch schon viel länger auseinander. Letztendlich war auf beide kein richtiger Verlass und ich musste mich sehr verbiegen, um zu gefallen. Dadurch hatte ich nie sicheren Boden unter den Füßen.

Und dann kam Charlie Brown.

Charlie Brown war und ist anspruchsvoll. Und sie konnte nicht die Oma sein, die sie gerne gewesen wäre (schiebt ein schlafendes Baby im Kinderwagen herum und klopft sich dabei innerlich auf die Schulter, weil sie die Eltern so toll entlastet). Stattdessen blieb er bei mir und sie sah weder ihn noch mich so richtig. Und dann kamen die Vorwürfe, dass wir dem Kind doch etwas vorenthalten und er sich daran gewöhnen muss und all die Phrasen, die man so kennt. Sie wäre so traurig und enttäuscht „und den Schuh muss ich mir anziehen“. Und sie bereut in mich investiert zu haben.

Solche Sätze sind mir nun nicht fremd. So bin ich groß geworden. Liebe nur bei Übereinstimmung. Der Unterschied zu früher war, dass ich nicht revidierte, sondern sagte, dass ich es schade finde, aber wir bleiben bei unseren Einstellungen.

Es folgten Monate des Schweigens und dann kam ihre Krankheit. Wir konnten nicht kommen, alles eskalierte und ich wusste nicht mehr was richtig und falsch ist. Denn das war so tief in mir, dass ich nicht widersprechen darf, dass es mir richtig schlecht ging. Gleichzeitig sah ich Charlie Brown und konnte nicht anders handeln.

Wir haben dann den Wunschkindblog gefragt und Hilfe von außen geholt. Das war meine (psychische) Rettung. Ich konnte besser Liebe und Pflichtgefühl trennen und konnte einschätzen wie viel (und wie viel nicht) ich geben kann. Und so agiere ich nun. Ich melde mich. Ausschließlich. Von Seiten meiner Mutter kommt nichts. Aber das ist in Ordnung. Es ist ein albernes Spiel und so spiele ich nicht.

Gespräche laufen in etwa so ab:


Tochter: Wie geht es dir?
Mutter: Super. Und euch?
Tochter: Wie immer. Charlie Brown mag das Bobby Car sehr gerne.
Mutter:Toll. Dann bekommt er bald ein Dreirad.
Tochter: Nee. Wir wollen ihm lieber ein Laufrad kaufen. Das ist super.
Mutter: Hm. Aber die Stabilität eines Dreirades ist auch sehr sinnvoll. Na, wenn ihr meint.
Tochter: Bald ist der Umzug. Wir freuen uns schon. So viel Platz.
Mutter: Ja. Eure Wohnung ist ja auch so klein. Enge macht aggressiv. Und endlich auch nicht mehr so hoch zu laufen.
Tochter: In Gießen wollen wir uns einen Anhänger für das Fahrrad kaufen. Dann sind wir mobil.
Mutter: Anhänger? Keinen Fahrradsitz? Der ist doch praktisch. Na, wenn ihr meint…
Tochter: Und, was macht ihr am Wochenende…


Mehr oder weniger subtil sagt sie, dass sie nicht einverstanden ist (mit allem). Sie hat es früher besser gemacht (mit allem). Aber einmischen tut sie sich natürlich nicht!!!1!

Für mich ist in diesem einen Jahr eine Welt zusammen gebrochen. Dieser Dynamik war ich mir nur rudimentär bewusst. Ich habe meine Mutter verloren. Sie fehlt mir sehr. Es war vielleicht nicht so, wie ich es zu sein glaubte, aber fühlte sich echt an. Und sie fehlt mir. Und es macht mir eine unglaubliche Angst, wie schnell das ging. Jetzt habe ich oft das Gefühl zu schwimmen und nirgends mehr Halt zu finden, bzw Halt zuzulassen. Es könnte sich jederzeit als Fatamorgana heraus stellen.

Was von unserem Verhältnis übrig geblieben ist, ist ein wöchentliches Telefonat mit der Großmutter meines Sohnes. Ich möchte ihm Gelegenheit geben sie kennen zu lernen und dann selbst zu entscheiden ob er sie mag. Aber mehr ist nicht mehr übrig. Und wenn ich ihr Verhalten sehe, ist das wohl auf beiden Seiten so, auch sie sieht mich als die Mutter ihres Enkels.

Ich bin ziemlich kaputt aus dieser Kindheit gegangen. Ich bin hochsensibel und nehme Dinge oft ungefiltert wahr. Heute bin ich sehr harmoniebedürftig und ertrage Streit kaum. Ich kann mich völlig aufgeben, um zu gefallen, und muss da sehr auf mich achten. Auch fühlt sich mein Pflichtgefühl meiner Mutter gegenüber fast wie Liebe an. Aber ich arbeite daran. Ich bin mir immer mehr wertvoll und arbeite daran.

Mehr zu diesem Konflikt habe ich hier gebloggt:

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Ein Gedanke zu „Meine Mutter und ich

  1. Meine Liebe,
    ich hatte schon mal einen Kommentar eingereicht, er ist weg… 🙁

    Ich bedaure zu lesen, dass Eure Geschichte so ein – bisheriges – Ende genommen hat, aber es ist unter dem Umständen sicher das Beste so. Charlie Brown hat so zumindest die Chance auf ein Kennenlernen, sie wird maßgeblich über die Qualität entscheiden.

    Du machst das genau richtig so und ich hoffe, der Schmerz wird (bald) vergehen. <3

    Alles Liebe
    Tante Emma

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