High Need Baby Charlie Brown

Bevor Charlie Brown zu uns kam, hatten wir noch nie von einem „High Need Baby“ oder 24-Stunden-Baby gehört. Als sich abzeichnete, dass Charlie Brown anspruchsvoller ist als ein Otto-Normalbaby, habe ich gedacht er sei ein Schreibaby, welches kein Schreibaby ist. Aber dann stieß ich auf die Definition des 24-Stunden-Baby und da war es schwarz auf weiß niedergeschrieben, was Charlie Brown ausmacht.

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photo credit: More Smiles via photopin (license)

Ausgehend von den Weisheiten des Vaters des ersten offiziellen High Need Babys, Dr. William Sears, habe ich hier die Definition und die gängigsten Eigenschaften zu 24-Stunden-Babys zusammen gesammelt. Folgende Eigenschaften machen ein High Need Baby aus:

  1. Intensität
    High Need Babys wollen SOFORT die uneingeschränkte Einzelversorgung. Müssen sie warten, beschweren sie sich lautstark.

    Zugegebenermaßen war Charlie Brown in den ersten zwei Lebenswochen sehr umgänglich. Da hatte er die Gelbsucht und die hat ihn ziemlich geschlaucht. Doch bereits damals wurde er wach, wenn man ihn ablegen wollte. Danach war klar, dass er nur auf mir schläft, immer getragen werden möchte und wenn ihm etwas missfällt, dann überspringt er oft das leise Schimpfen. Stattdessen wandert direkt die Unterlippe herunter und er weint lautstark drauflos.

  2. Hyperaktivität
    High Need Babys sind immer in Bewegung. Auch wenn der Spruch schon etwas ausgelutscht ist, so ist der Vergleich mit dem Duracell-Häschen doch ziemlich passend.

    Das war quasi auch von Anfang an bei uns der Fall. Während andere Babys herumlagen, strampelte Charlie Brown, riss die Augen auf, ruderte wild mit den Armen und überstreckt sich ins Hohlkreuz. Trägt man ihn, so strampelt er, liegt er herum, ist er ebenfalls in Bewegung. Immer! Nur wenn er sehr neugierig ist und zu viele Informationen aufsaugt, dann hält er ruhig. Selbst im Schlaf ist er extrem aktiv. Nur in seltenen Momenten zwischen den Wachstumsschüben konnte man ihn mal einfach nur so gechillt erleben.

  3. Anstrengung
    24-Stunden-Babys saugen ihre Eltern förmlich aus. Sie sind kräftezehrend durch den intensiveren Betreuungsbedarf als bei Normalo-Babys sowie den größeren Schlafmangel, den sie verursachen.

    Dieses Kriterium trifft auf mich und Herrn Griesgram extrem zu. Charlie Brown ist entweder auf meinem Arm, an der Brust oder wir wippen auf dem Gymnastikball. Er schläft auf mir und ist so unruhig, dass ich oft nachts auf dem Ball wippe und stündlich den Rücken klopfe oder ihm die Brust gebe. Durch den chaotischen Tagschlaf kann man Termine nur unter Stress schaffen, an einen Cafébesuch denke ich schon gar nicht mehr.

  4. Dauerstillen
    High Need Babys lieben die Brust. Dort ist es lecker, kuschelig und es riecht gut.

    Charlie Brown wird vor und nach jedem Schläfchen gestillt. Und zwischendurch. Und zur Beruhigung. Alles in allem mehrfach in der Stunde und dann auch gerne länger…

  5. Fordernd
    High Need Babys können nicht warten. Ihre Bedürfnisse können urplötzlich aus heiterem Himmel auftauchen und ihnen dann immens wichtig sein, was sie natürlich auch kundtun.

    Für mich ist das ähnlich zu anstrengend. Charlie Brown weiß was er will. Und das will er SOFORT.

  6. Schlafschwierigkeiten
    High Need Babys brauchen von allem mehr. Außer von Schlaf.

    Ich bin mir nicht so sicher, ob sie wenig Schlaf brauchen oder einfach nur wenig schlafen, weil sie sich schwer tun damit. Charlie Brown schläft nachts zufriedenstellend, da klopfe ich ihm aber auch auf den Rücken und befördere die Brust in seinen suchend geöffneten Mund. Tagsüber ist Schlaf eine Katastrophe und nur sehr schwer herbeizuführen. An guten Tagen schläft er in zartem Alter von vier Monaten ca. 14 Stunden, an schlechten Tagen nur zwölf Stunden. Alles mit enorm aufwändiger Einschlafbegleitung.

  7. Unzufriedenheit
    Es gibt Tage, da läuft nichts nach seinen Wünschen. Und natürlich hat das High Need Baby dafür wenig Verständnis.

    Charlie Brown hat definitiv schlechte Tage, aber das kann auch immer mal ein Wachstumsschub sein. Ich glaube, jedes Baby hat schlechte Tage, obgleich mir die seinigen doch recht extrem vorkommen.

  8. Unberechenbarkeit
    24-Stunden-Babys sind kleine 0/1 Männchen. Ihre Stimmung kann sich von jetzt auf gleich ändern.

    Hier möchte ich eine kleine Anekdote erzählen. Abends ist Charlie Brown oft übermüdet und total fertig. Einst hat Herr Griesgram ihn gewickelt und den Schlafanzug angezogen (bzw. dies versucht) und ich habe geduscht. Charlie Brown fing dann vor Erschöpfung an zu weinen. Und Herr Griesgram kam mit einem halbfertigen, schreienden Charlie Brown ins Bad. Ich öffnete den Duschvorhang und sprach ein paar Worte zur Beruhigung und versuchte, schnell zu Ende zu duschen. Bei dem Anblick einer duschenden Frau Sonnenschein fing Charlie Brown urplötzlich an zu kichern und lachte unglaublich süß. Wir wussten zuerst gar nicht was los war. Das ist unser Sohn! 🙂

  9. Übersensibilität
    High Need Babys hören und sehen alles, auch wenn sie nicht (immer) alles gut verarbeiten können. Sie werden dafür aber auch besonders häufig zu empathischen Erdenbürgern.

    Charlie Brown wird wach vom Niesen, vom Öffnen der Spülmaschine, vom Aufdrehen einer Wasserflasche, vom Öffnen einer Verpackung… Bei jedem Geräusch denke ich mittlerweile „Oh Gott, das Kind wacht auf“. Herr Griesgram traut sich schon gar nicht mehr zu niesen. Selbst auf dem Weg zur Arbeit im öffentlichen Nahverkehr! Zumindest so lange bis der übermüdete Verstand ihm via innerer Stimme zuröchelt, dass kein Charlie Brown in der Nähe und Niesen in Ordnung ist.

  10. Ablegen verboten
    Die Gier nach Nähe eint alle High Need Babys. Sie lassen sich nicht tricksen.

    Charlie Brown schläft auf mir. Bis auf Spielpausen leben wir in symbiotischer Vereinigung. Ansonsten besteht die Pflicht zum Körperkontakt. Selbst wenn ich ins Bad gehe und Herr Griesgramm bei Charlie Brown ist, werde ich oft eingefordert.

  11. Einschlafschwierigkeiten
    Schlaflos in den eigenen vier Wänden. Das Kind zum Schlafen zu kriegen kann bei einem 24-Stunden-Baby schon mal zur Tagesaufgabe werden.

    Ich nehme den Tagschlaf als Beispiel, der Einschlafstillkrampf am Abend wäre aber ein ebenso gutes Beispiel. Charlie Brown schläft mit vier Monaten 2,5 Stunden tagsüber. Diese sind verteilt auf fünf (!) Schläfchen. Jedes ist mit Stillen und Hüpfen auf dem Gymnastikball verbunden. Das Einschlafprozedere dauert 30 bis 60 Minuten, verteilt auf die fünf Nickerchen sind das knapp vier Stunden. Wir verbringen also sechs Stunden mit schlafen. Über den Gymnastikball und das Schlafen habe ich mich ja schon ausgelassen in den Monaten zwei, drei und vier.

  12. Trennungsangst
    24-Stunden-Babys sind zu einer sehr tiefen Bindung fähig. Daher tun sie sich gerade am Anfang ihres Lebens schwer, von ihrer Bezugsperson Nr. 1 getrennt zu sein.

    Charlie Brown will zuallererst mich, die Frau Sonnenschein. Es gibt Tage, da weint er bei Herrn Griesgram, wenn ich nur mal kurz im Bad bin. Ich habe daher auch meinen Wiedereinstieg in das Berufsleben verschoben. Wir finden Charlie und seine Bedürfnisse gehen vor, auch wenn darunter natürlich andere, aber für uns unwichtigere Dinge leiden müssen.

Hinzu kommen noch ein paar typische Charaktereigenschaften wie

  1. es mag keine künstlichen Hilfsmittel
    Charlie Brown will keinen Schnuller, nur die Brust. Er will auch keine Federwiege, er will im Arm gewippt werden. Selbst das Tragetuch nimmt er nur ungern. Ersatzstoffe sind verpönt bei High Need Babys.

  2. es mag neue Umgebungen
    Charlie Brown nimmt alles wahr und der ist dabei wie ein Schwamm. Bis ihm die Eindrücke zuviel werden und er einfach nicht mehr kann. Schreien ist die Folge. Deshalb werden viele 24-Stunden-Babys oft fälschlicherweise für Schreibabies gehalten.

  3. es kann sich nicht selbst beschäftigen
    Hier ist Charlie Brown glaube ich wie jedes Baby. Er kann sich durchaus zehn Minuten und länger mit einer Sache beschäftigen.

  4. wenn es strahlt, werden alle angesteckt
    Aus Elternsicht gilt das sicher für alle Babys. Aber Charlie Brown hat ein großes offenes Lachen und kichert dabei auch. Da strahlt wirklich der ganze Raum. Ganz objektiv betrachtet. 😉

Die Definition im Kontext
Ich sehe diese Definition eher als ein Ganzes. Es hat etwas gedauert bis ich Charlie Brown gut verstanden habe, aber momentan denke ich, dass ich recht gut weiß wie er tickt. Es fängt mit seiner Neugier an. Er will alles sehen und beobachten und nimmt alles wahr. Bei jedem Geräusch, das er nicht kennt, reagiert her. Ist er in einer neuen Umgebung, schwenkt sein Kopf wie ein Pendel im Sekundentakt von einer Seite zur anderen. Er ist übersensibel. Diese Millionen Reize kann er nicht verarbeiten. Er quillt über. Wie eine überwässerte Pflanze. Ähnlich wie bei Schreibabys hat er eine Regulationsstörung (ich mag das Wort nicht!). Das führt zu einer Überstimulation und Schwierigkeiten beim Ein-und Durchschlafen und einer grundsätzlichen Nervosität. Diese zeigt sich durch sein hyperaktives Verhalten. Er versucht dann zu entspannen, indem er immer wieder an der Brust nuckeln möchte, so kommt es zum Dauerstillen. Da er sich so schwer selbst regulieren kann, braucht er immer Hilfe und fordert diese auch ein. Dadurch lässt er sich nicht ablegen, er braucht uns, um in dieser riesigen Welt zurecht zu kommen. Daher genügen ihm auch keine Hilfsmittel wie Schnuller. Er ist jedoch trotzdem so überladen, dass es ihn unzufrieden macht und er häufig abendliches Schreien hat. Weil er neue Reize aber auch so spannend findet, kann er von total fertig zu freudig amüsiert springen (und dann wieder zurück), eben unberechenbar. Das macht die Situation für uns sehr intensiv und anstrengend.

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