Verkopft

In meinem Kopf herrscht schrecklich viel schwarze Pädagogik. Und sie ist korreliert mit meinem Erschöpfungsniveau. Das heißt momentan spricht da ständig eine kleine fiese Stimme, die mir sagt „Jetzt reichts aber mal! So nicht, mein Freundchen!“ und ich muss mich dann sehr zusammenreißen. Denn wir erziehen nicht nach unserem Bauchgefühl, sondern enorm verkopft.



photo credit: karpidis Unuk Laura via photopin (license)

Glücklicherweise haben wir sehr früh angefangen zu lesen und wussten, dass wir unserem Bauchgefühl nicht immer vertrauen können. Denn das ist geprägt durch die Erinnerungen unserer Kindheit. Stattdessen haben wir gelesen. Viel. Bücher, Blogs, Artikel. Alles, was uns in die Hände kam. Ich kann das echt empfehlen, man erhält gleich auch eine Minitherapie dabei, da man viel auch über sich erfährt. Zwei zum Preis von einem, sozusagen1.

Das bedeutet aber auch, dass ich viel über unseren Umgang mit Charlie Brown nachdenke und immer versuche reflektiert zu handeln. Das birgt die Gefahr nicht authentisch zu sein. Aber das bin ja ich! Ich bin verkopft und überlegt. Ich glaube an den Verstand und das ist authentisch. Mit der Zeit wird dann unser Bauchgefühl neu programmiert. Und dann können wir auch schneller und intuitiver reagieren. Bis dahin versuche ich so oft es geht inne zu halten und meine Reaktion zu überprüfen.

Beim Essen wollte Charlie Brown immer aus seinem Stuhl aufstehen. Daraufhin haben wir, auf Empfehlung des Wunschkindblogs, den Babyeinsatz entfernt. Jetzt klettert Charlie Brown auf den Tisch. Wir fragen ihn, ob er zu uns möchte, aber lassen ihn krabbeln und nehmen ihn auf den Schoß. Dann isst er von unseren Tellern mit. Ich hasse das! Das Aufstehen aus dem Hochstuhl ist gefährlich und nach dem gemeinsamen Essen bin ich überall dreckig, habe irgendwas im Ohr und es sieht aus wie Sau. Ich hasse das! Und meine Bauchstimme möchte den Babyeinsatz holen, den Teller wegnehmen und sagen „Du willst wohl nicht essen. Dann nehme ich es dir weg“. Das würde funktionieren. Glaube ich. Aber ich halte das für falsch. Trotzdem sind diese Worte fest in mir und flüstern mir zu. Das hasse ich auch!

Mittlerweile wartet Charlie Brown mit dem Aufstehen, er reißt stattdessen die Arme hoch und guckt, ob wir ihn nehmen. Er klettert viel weniger. Es funktioniert also, weil er weiß, dass wir auf ihn achten und ihn sehen. Ziemlich cool! Und eine Wahnsinnskooperation seinerseits. Ganz ohne Verbot und Druck. Und schon wurde mein Bauch ein klein wenig neu programmiert.

Ich habe so viele von diesen „falschen“ Glaubenssätzen (lest mal bei der Kathrin dazu). „Da muss er durch“ ist ein Klassiker. Oder „Schluss mit lustig, so nicht!“ während man das Kind irgendwohin schleift. Ich sehe das richtig vor meinem Auge in den Momenten. Ganz schlimm auch „ich bin sehr enttäuscht von dir!“, wobei ich das noch nicht denke (aber fest glaube, dass es kommen wird).

Aber dank unserem Sohn lernen wir so unglaublich viel und diese trügerischen Gedanken werden nun reflektiert und peu a peu neu konfiguriert. Das ist auch für uns unglaublich hilfreich, wir können untereinander Konflikte besser austragen, oder auf der Arbeit besser verstehen, was genau unser Bedürfnis ist. Aber es ist ein steiniger Weg.

Täglich bin ich schon mal genervt und möchte eigentlich nur, dass „er sich verdammt noch mal die besch*** Schuhe anzieht“. Stattdessen versuche ich ruhig zu bleiben und tröste und gehe später raus. Und dann merke ich, dass er schmusig ist und kuscheln möchte und es ihm draußen einfach zu viel geworden wäre. Unser kompetentes Kind!

Also dröseln wir unser Bauchgefühl auf und arbeiten daran. Mit dem langsameren Kopf. Bis es besser funktioniert. Das klappt mal besser und mal schlechter, aber der Weg ist der Richtige für uns und gleichzeitig arbeiten wir daran, dass wir nicht immer alles richtig machen müssen. Wir lernen so viel dank unserem Sohn!

1 Allen voran der Wunschkindblog, aber auch Bücher Von Remo Largo, Herbert Renz-Polster oder Frank und Gundi Gaschler

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*