Ein Wahnsinnsjahr

Ich hatte mir fest vorgenommen über das erste Babyjahr nochmal detailliert zu berichten, was Charlie Brown kann und mag, schlafen, essen, all diese Dinge. Ich habe beispielsweise etwa 80.000 Minuten (1400 Stunden) auf dem Gymnastikball verbracht, habe 50.000 mal „wir lagen vor Madagaskar“ gesungen und hatte etwa 4000 Minuten (70 Stunden) nur für mich alleine (inklusive duschen).

Aber irgendwie ist das noch alles ein laufender Prozess und wenn ich auf unser Jahr mit Charlie Brown zurückblicke, dann denke ich eigentlich nur „Uffz“ und „das ist der Stoff für eine Soap“. Daher berichte ich einmal über unser Wahnsinnsjahr, fernab vom high need Baby, seinen hohen Ansprüchen und meiner Erschöpfung.




photo credit: ross_vernal (Scottish Dream Photography) 4 Seasons in the Kilpatrick Hills via photopin (license)

Charlie Brown
Mit der Geburt Charlies bin ich in den Mama-Modus gewechselt und dazu gehört auch, sich Sorgen zu machen. Leider, und zugleich zum Glück. Nun war er Gott sei Dank kein einziges mal ernsthaft krank, aber in den ersten Monaten haben wir ein paar Kleinigkeiten mit uns herumgetragen, die es für uns schwerer machten.

Da war zunächst die recht starke Gelbsucht von Charlie Brown. Er schlief dadurch viel und trank eher mittelmäßig und nahm auch schlecht an Gewicht zu. Die ersten drei Wochen war die Waage unser Feind und wir mussten sehr kämpfen. So richtig gut wurde es erst als er mit fünf Wochen sein erstes Fieber hatte.

Zudem hatte er einen golfballgroßen Nabelbruch, der sich gut aber mit der Zeit verschloss. Und er hatte eine Hydrozele, also einen Wasserbruch, der sich erst mit sechs Monaten schloss, so dass wir schon die Überweisung zum Kinderchirurgen in den Händen hielten. All das zusätzlich zu unserem alltäglichen Wahnsinn aus Schreien, Überreizung und Eintönigkeit.

Und später hatte er eine schlimme
Mandelentzündung, die ihn sehr quälte, da er nicht trinken wollte, obwohl ihn die Brust so beruhigt. Das war eine sehr harte Woche. Die gesamte Familie lag flach.

Familie Sonnenschein
Hier beginnt nun der soapreife Teil. Alles begann mit den ersten Besuchen der
Familie Sonnenschein. Wir würden den Kleinen falsch behandeln, er müsse dies und jenes lernen, wir sollten ihn schreien lassen und überhaupt wäre ich eine schlechte Tochter und man bereue es, in mich investiert zu haben. So Oma Sonnenschein.

Und dann wurde Oma Sonnenschein krank. Blasenkrebs. Wir konnten mit Charlie Brown nicht hin und das war für unser Familienverhältnis miserabel, für Charlie Brown aber das Beste. Leider hatte sie enorm viel Pech. Die erste OP ging schief, es folgte eine Not-OP und kurz darauf eine weitere. Alles innerhalb von zwei Wochen und jede OP dauerte mehrere Stunden. Dabei gab es Komplikationen, ihr Kreislauf brach mehrfach zusammen und das Ergebnis, so weit, ist weit entfernt von zufriedenstellend. Insgesamt lag sie vier Monate im Krankenhaus. Zunächst. Denn dort bekam sie eine Pilzinfektion, musste erneut operiert werden (mit Kreislaufkollaps) und auch jetzt ist das Ergebnis nicht annähernd als gut zu bezeichnen. Es folgt eine weitere OP. Eine wahre Tortur! Und noch ist kein Ende in Sicht.

Wir konnten nun nicht zu ihr fahren fahren und haben uns bemüht aus der Ferne zu helfen wo es geht. Das heißt Karten geschrieben, Anrufe, Hörbuch-Unterhaltung geschickt. Sie ist trotzdem enttäuscht und wütend und unser Verhältnis ist nahezu zerstört. Es wird sich zeigen wie es weitergeht.

Als zweites großes Drama hatte mein Bruder einen schweren Motorradunfall. Er hatte mehr Glück als Verstand. Im Italienurlaub ist er eine Schlucht hinuntergestürzt und wurde hollywoodmäßig von Sträuchern gehalten und dann mit dem Hubschrauber geborgen. Er hatte Kopfverletzungen, die aber reversibel waren. Zurück blieb nur ein etwas steifes Knie. Und ein Kloß im Hals.

Familie Griesgram
Auch Familie Griesgram war unglücklich mit unserer bedürfnisorientierten Erziehung. Das Verhältnis war vorher schon eher schlecht, aber nun ist es faktisch tot. Sie waren hier zu Besuch und es war angespannt. Seitdem melden sie sich nicht mehr (das ist acht Monate her) und wir können nur spekulieren warum.

Nein, zu Weihnachten gab es nur obligatorische Grüße. Per Karte. Zu Geburtstagen kamen Emails. Von Charlies Uroma wissen wir, dass Herr Griesgram Senior eine Krebs-OP hatte und ein weißer Hautkrebs entfernt wurde. Komplikationslos zum Glück.

Zu seinem ersten Geburtstag kommen sie im Übrigen nicht. Trotz mehrfacher Einladung. Das Thema wird geflissentlich ignoriert.

Grundsätzlich ist das Ausmaß der persönlichen Gekränktheit bei unseren Eltern sehr schnell sehr stark und verhält sich antiproportional zur ihrer Selbstreflexion. Wir finden es sehr schade für Charlie Brown, dass er ohne Großeltern auskommen muss, falls sich die Situation mit den Seniors nicht verbessern sollte.

Freund und Feind
Und dann sind da Nachbarn, Kollegen, Freunde, Sprechstundenhilfen, Ärzte und weiß Gott nicht wer, die uns sagen wollten was wir alles falsch machen. Mit Charlie, mit unserer Familie und mit unserer Wohnung. Ja! Diese vielen guten Ratschläge waren genau das, was wir brauchten. Nicht!

Unterstützung, und seien es nur verständnisvolle Zuhörer, waren nicht vorhanden. Die einzige Ausnahme seid Ihr, unsere Leser, und andere Blogger. Und dafür möchten wir Euch allen an dieser Stelle sehr herzlich danken! Dazu haben wir hier und hier gebloggt.

Die liebe Arbeit
Ich hatte ja geplant schnell wieder in den Beruf einzusteigen. Nun, der Plan ging nicht auf und ich blieb und bleibe daheim. Herr Griesgram geht jedoch arbeiten. Vollzeit. Bei seinem ersten Arbeitgeber gab es nicht nur reichlich Ratschläge unseren Sohn zu ferbern, sondern es wurden vor der Elternzeit die Stunden ohne Absprache reduziert und das allgemeine Verständnis, dass er zuhause dringend gebraucht wird, war gleich Null.

Sein Jobwechsel versprach da mehr Spielraum, doch auch hier war es nicht leicht. So bekam er in einem Mitarbeitergespräch Dinge gesagt, die seine Kollegen gesagt hätten, die ich mir nicht nur nicht vorstellen kann, sondern die man mit einem vernünftigen Gespräch auch einfach hätte einvernehmlich klären können. Zum Glück hatte er da schon ein tolles Angebot und nun geht es nach Hessen.

Und was war sonst so los?
Na, wollt ihr noch tauschen? Denn zu unserem großen Glück fehlt noch….. Schimmel in der Wohnung! Und das ist das aktuelle Thema bei uns, weswegen wir primär jetzt schon umziehen werden. In ein anderes Bundesland, da Herr Griesgrams neuer Job dies ermöglicht. Und wir planen obigen Ärger einfach komplett in der Wohnung zu lassen. Pech für den Nachmieter. Unser Vermieter signalisiert aber schon, dass er nicht unbedingt die kooperative Lösung anstrebt. Vermutlich können wir daher auch bald einen Beitrag über Ursachen und Maßnahmen gegen Schimmelbildung schreiben.

Und während ich dies schreibe hat Charlie nach der letzten Impfung nun schon mehrtätig Durchfall und ich mache mir deswegen Sorgen!

Ja, es war ein hartes Jahr. Ich möchte dennoch nicht zurück, da Charlie Brown das Beste ist was je passieren konnte. Dennoch hoffe ich sehr auf ein etwas langweiligeres zweites Lebensjahr. Nun mit high need Kleinkind.

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12 Gedanken zu „Ein Wahnsinnsjahr#8220;

  1. Oh mein Gott, ihr habt wirklich was hinter euch, das reicht für ein ganzes Leben! Dass Du trotzdem so positiv bist, ehrt Dich. Hut ab! Und einen schönen 1. Geburtstag für den Kleinen und euch wünsche ich!
    Mein Großer hatte übrigens auch einen Nabel- und einen Wasserbruch, Besuche beim Kinderchirurgen standen auf der Tagesordnung. Das noch zusätzlich zu der eh‘ schon schwierigen Situation war heftig.
    Ich wünsche euch, dass euer 2. Jahr ruhiger und „langweiliger“ wird, der Gymnastikball bald in den Keller verbannt werden kann und euer Umzug und Neustart gut werden.
    Alles Liebe!

    • Danke dir! Ich bin echt heilfroh, dass wir um den Kinderchirurgen herum kamen. Die Vorstellung, dass er stundenlang nicht trinken dürfte war gruselig. Ist sie immer noch, er ist ein Brustliebhaber. Ich habe das auch verzögert und hatte Glück damit. Musstet ihr denn operieren? Das ist echt heftig. Schon bei pflegeleichten Kindern.

      Der Ball ist schon viel weniger. Manchmal kommen wir tagelang ohne aus. Es ist insgesamt seit etwa 3 Wochen ein Traum. Jetzt kommen immer mehr Wutanfälle, aber damit kann ich viel besser leben als mit dem verzweifelten Schreien. Was schmeiße ich auch die leere Apfelsafttüte weg?!? Pffffft.

      Ich freue mich auf den Neustart. Ich glaube mein Mann und ich brauchen das beide.

      Lieben Dank ❤️

  2. Mannomann, ihr habt was durch. Schön, dass ihr das so positiv bewertet und nach vorne blickt!

    Wohin nach Hessen verschlägt es euch? Ich wohne in der Nähe von Frankfurt- wenn ihr nicht zu weit weg „landet“ biete ich hier gerne Kaffee, Tee, Ubd Verständnis für ein High Need Kleinkind!

    • Liebe Sabrina

      Ganz lieben Dank. Es geht nach Gießen. Wenn denn nun alles klappt. Da sind auch gute Freunde von uns, das macht das Ankommen leichter. Lieben Dank für das Angebot. Ich komme bestimmt darauf zurück.
      ❤️

  3. Das war das erste Mal, dass ich froh war, dass ein Artikel zuende ging und nicht noch eins oben drauf gesetzt wurde.

    Das tut mir alles wahnsinnig weh zu lesen. Es sollte viel einfacher, viel schöner sein. Ihr macht alles richtig, macht euch das nur ja immer wieder bewusst und haltet daran fest.

    Wenn du Hilfe brauchst, ein Ohr das zuhört oder Skype… dann weißt du ja, wo du mich findest.

    Ihr seid fantastische Eltern. Ihr seid wunderbar! <3 Danke für euer Festhalten am guten Weg. Ihr werdet belohnt. Ich verspreche es euch!

    • Du Liebe!

      Skypen wäre klasse! Total gerne.

      Ich schreibe dir. Erst mal packen wir am Wochenende und organisieren uns etwas. Und feiern Geburtstag nach!

      Liebe Grüße

    • Lieben Dank Johanna

      Wir freuen uns auch! Die Wohnung haben wir uns zahlen quasi das Selbe wie hier, nur fast doppelt so groß.

      Und Frankfurt ist ja nicht so weit weg.

      Liebe Grüße

  4. Das ist echt ein richtiger Hammer was ihr alles verkraften musstet. Ich bin sehr froh darüber dass es euch scheinbar mehr zusammen geschweißt hat. Viel viel Glück und Liebe und Gesundheit in Gießen und Happy Birthday für Charlie 😉

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