Warum ich mich nicht auf mein Bauchgefühl verlasse, sondern lese

Als ich ein Kind war, bin ich stets darauf hingewiesen worden wie, dankbar ich zu sein habe. Dankbar, dass ich das Abitur machen darf, dankbar studieren zu dürfen (aber nicht alles, nur gute Studiengänge!), dankbar, dass mir beim Umzug geholfen wird. Immer dankbar sein. Sonst werde ich nicht geliebt. Manchmal, wenn ich nachts um 3 Uhr auf dem Pezzi Ball hüpfe, ertappe ich mich wie ich denke „hoffentlich ist er wenigstens dankbar dafür“. Darum vertraue ich meinem Bauchgefühl nicht. Meine Titelfrage ist damit beantwortet. Ich kann meiner Intuition nicht immer vertrauen. Mein Bauchgefühl ist durch meine Erziehung geprägt.

Ein weiteres Beispiel: Herr Griesgrams Bedürfnisse wurden, genauso wie seine Grenzen, von den Eltern nie respektiert. Er war ein, O-Ton, „anstrengendes“ Baby und auch Kind. Ihm wurde Zeit seines Lebens beigebracht, dass sein Verhalten gerade nicht angenehm ist. Herr Griesgram ist vollkommen im Klaren darüber, dass Charlie Brown nur Bedürfnisse hat, die er gegebenenfalls auch mit vehementem Schreien kundtut, da sich selbst ein für uns belangloses Wehwehchen wie eine unangenehme Liegeposition für ihn ganz ganz schlimm anfühlen können. Trotzdem kommt es vor, dass bei einer Schreiattacke am Ende eines anstrengenden Tages in seinem Kopf der Gedanke aufblitzt, Charlie Brown stelle sich an und es müsse ihm mal gezeigt werden, dass man solch ein „Verhalten“ nicht toleriert. Glücklicherweise wissen wir, dass wir unserem Bauch nicht vertrauen und halten und trösten Charlie Brown.

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photo credit: Multitasking via photopin (license)

Was ist Bauchgefühl
Bauchgefühl ist ein Synonym für Intuition. Der Mensch ist täglich Millionen von Eindrücken ausgesetzt. Da er diese nicht alle verarbeiten kann, packt er sie (relativ zügig) ins Unterbewusstsein. Dort schlummern auch all die Dinge, die wir schon vergessen haben (wie das Biologiebuch aus der siebten Klasse). Die Wissenschaftler gehen davon aus, dass Entscheidungen aufgrund von zwei Prozessen im Gehirn getroffen werden, dem schnellen (intuitiven) System und dem langsamen (rationalen) System. Das schnelle System ist nichts anderes als Heuristik. Es durchsucht alle gemachten Erfahrungen und wählt eine vorhandene (erfolgreiche) Erfahrung. Der langsame Prozess entscheidet nach der vorhandenen Situation und wägt Pro und Contra ab. Das heißt aber auch, dass diese Systeme vernetzt sind, insbesondere „lernt“ die Intuition vom Verstand. Jeder Mensch tendiert eher zu einem der beiden Systeme (Bauch- vs. Kopfmenschen).

Nach Bauchgefühl zu erziehen ist letztendlich nichts anderes als auf Erfahrungen zurück greifen, und zwar die eigenen. Somit wiederholt man schlichtweg die eigene Erziehung. Man kann das Bauchgefühl jedoch durch Lesen trainieren. Liest man viel, erhöht sich der Erfahrungsschatz. Gerade in der Kindererziehung muss man oft schnell entscheiden. Das geht oft nur mit Bauchgefühl. Ist man jedoch belesen und hat das Bauchgefühl „eingeordnet“, trifft man dann auch die für sich richtige Entscheidung. So gesehen, erzieht jeder nach Bauchgefühl.

Bauchgefühl vs Affekt
Im Gegensatz zur Intuition ist der Affekt gesteuert von der Gefühlsebene. Wenn man jemanden attraktiv findet und anlächelt, ist das aus dem Affekt und nicht aus der Intuition heraus. Ebenso wenn man den einjährigen Sohn anbrüllt, weil er den geerbten Teller der Urgroßmutter hat fallen lassen. Der Verstand weiß, dass er zu klein ist, um das zu verstehen, aber die Wut im Bauch siegt. Das Fatale daran ist, dass man in beiden Fällen aus dem Bauch heraus gehandelt hat und man so glaubt man habe intuitiv gehandelt (das wird dann gerne mit „authentisch“ beschrieben).

Ist die Intuition jedoch trainiert, kann man in sekundenschnelle begreifen, dass der Sohn kognitiv nicht in der Lage ist zu begreifen, dass dieser eine Teller wertvoll ist und man schlichtweg der Aufsichtspflicht nicht genügend nachgekommen ist. Man ist also auf sich selbst wütend. Das lässt man dann jedoch nicht am Kind aus.

Warum holen sich so wenige Leute Rat?
Vorneweg, die Frage kann ich nicht beantworten. Es ist mir völlig schleierhaft. Herr und Frau Nachbar sind ein Paradebeispiel. Für einen neuen Fernseher wurde stundenlang recherchiert, bei der Kindererziehung setzt man auf das Bauchgefühl. Bei etwas so profanem wie einem Fernseher informiert man sich, nicht jedoch wenn es um das eigene Kind geht.

Ich sehe sogar eher, dass viele sich innerlich weigern Ratgeber zu lesen. Man braucht keinen Ratgeber, man erzieht nach Bauchgefühl. Wo kommen wir denn dahin, wenn ich meinem Muttergefühl nicht trauen kann? Also ganz ehrlich, mein Mutterinstinkt weiß nicht was zweijährige Kinder bereits kognitiv können und was nicht. Das hat mir Remo Largo verraten, unter anderem.

Beispielsweise können Gorillas, die in Gefangenschaft aufwachsen, nicht ohne weiteres stillen. Sie müssen es erlernen, da sie es vorher nicht gesehen haben. Wenn etwas so natürliches wie stillen nicht instinktiv (intuitiv) funktioniert, dann gibt es garantiert kein Mutterbauchgefühl, dem man blind vertrauen kann. Dann ist es aus den eigenen Erfahrungen und somit wird wiederholt was man kennt.

Ich glaube es lesen so wenige, weil die meisten Menschen Angst haben, bereits etwas ‚falsch‘ gemacht zu haben und vermutlich aus Bequemlichkeit. Wenn man dieses magische mütterliche Bauchgefühl hat, kann man per Definition nichts falsch machen. Wie praktisch!

Was Dr. Google sagt
Das Internet ist eindeutig pro Bauchgefühl! Dabei werden Ratgeber auch gerne etwas verteufelt. Da wird dann schnell „Jedes Kind kann schlafen lernen“ gezückt und gezeigt wie schlimm Ratgeber sind. Dabei lassen Eltern ihre Babys oft schreien, weil sie sich manipuliert fühlen, also ist auch das eine Entscheidung aus dem Bauch. Das Bauchgefühl dagegen ist warm und gut und man handelt intuitiv richtig. Wie praktisch! Eltern die ihre Babys schütteln handeln übrigens aus dem Bauch heraus (das ist dann aber eher doch der Affekt) , die Ratgeber sind hier eindeutig!

Ein Wort zu den Quellen und Ratgeberempfehlungen
Zu diesem Artikel inspiriert wurde ich durch den Blog Nestkinder und das Forum Urbia. Dort wurde diskutiert, warum man doch keine Ratgeber braucht. Ein Paradebeispiel für ein Plädoyer für das Bauchgefühl ist der Hebammenblog, es gibt aber auch viele andere Seiten. Meine fachlichen Inhalte zum Bauchgefühl habe ich von dasgehirn.info, dem Spiegel, Wikipedia, die Studie zu den Primaten ist hier gut erklärt.

Folgende Bücher sind in unserer Bibliothek:

  • The No-Cry Sleep Sollten von Elisabeth Pantley
  • The No-Cry Nap Sollten von Elisabeth Pantley
  • Ich will verstehen was du wirklich brauchst von Frank und Gundi Gaschler
  • Kinderjahre von Remo Largo
  • Babyjahre von Remo Largo
  • The fussy Baby book von William und Martha Sears
  • Unconditional Parenting von Alfie Kohn
  • Das Geheimnis zufriedener Babys von Nora Imlau
  • Schlaf gut Baby von Herbert Renz-Polster und Nora Imlau
  • Oje ich wachse von Hetty van de Rijt und Frans Ploij

Eine Kaufempfehlung würde ich für alle Bücher aussprechen. Bei dem Buch von Frank und Gundi Gaschler hat es bei mir so richtig „Klick“ gemacht. Zum Verständnis was in den Kindern vor geht, fand ich die Bücher von Remo Largo sehr gut. Bei einigen wurde teilweise sehr viel erzählt, das ist nicht so meins. Vieles ist auch im Wunschkindblog bereits diskutiert.

13 Gedanken zu „Warum ich mich nicht auf mein Bauchgefühl verlasse, sondern lese#8220;

    • Liebe Katharina

      Vielen Dank für das Teilen! „Kinder verstehen“ findet bald auch den Weg in meine Bibliothek.

      Viele Grüße

  1. Hallo Katharina,

    Da habe ich überlegt ob ich das brauche. Ich habe ja das Schlafbuch und die Bücher von Largo. Aber ich habe viel Gutes darüber gehört, ich sollte meine Liste wohl um eine Anschaffung ergänzen.

    Viele Grüße!

  2. Das oben genannte Buch ist definitiv empfehlenswert. Es fasst anschaulich wichtige Kernthemen der Erziehung zusammen.
    Gruß,
    Ursula

    • Liebe Frühlingskindermama

      Vielen Dank für das Teilen! Es gibt leider sehr viele Eltern, die vehement Erziehung nach Bauchgefühl verteidigen und im nächsten Moment ihr Kind grundlos anschreien.

      Viele Grüße

  3. Ich finde den Artikel eine ziemliche wilde Mischung aus wertvollen Anregungen und gefährlichem Halbwissen. Da glaube ich die hilfreichen Aspekte einer literarischen Erweiterung unseres Wissens auch in diesem Bereich außer Frage stehen, konzentriere ich mich auf die kritischen Aspekte: wo kommen wir denn hin, wenn wir generell unserer Intuition nicht mehr trauen? Wenn wir uns nur kompetent fühlen, wenn sich unser Erfahrungsschatz überwiegend durch die Perspektiven von anderen Quellen speist? Wo bleiben dann unsere eigenen Erfahrungen, die wir jeden Tag aufa Neue machen? Wohlgemerkt, es tut jedem gut und ist wichtig, sich immer wieder selber zu hinterfragen und zu reflektieren! Aber wenn ich mich in der Frage des richtigen Umgangs mit meinem Kind nur nach außen statt nach innen richte, habe ich bestenfalls eine wohlmeinende, funktionale, aber letztlich herz-lose (weil verkopfte) Erziehung. Liebe zu sich selbst und seinem Kind öffnet auch das eigene Herz, in dem trotz allem „Verkorksten“ auch sehr viel positive Anregungen zu finden sind, ohne die ich mir mein Leben und meine Familie nicht vorstellen kann.

    • Lieber liebender und lesender Vater

      Vielen Dank für deinen Kommentar.
      Ich plädiere nicht dafür niemals nach Bauchgefühl zu erziehen. Ich schreibe ja sogar, dass es viele Situationen gibt in denen man nach Bauchgefühl handeln muss.

      Es gibt jedoch eine große Mehrheit an Eltern, die Ratgeber verteufeln und inbrünstig ihre Intuition verteidigen, gleichzeitig aber ihrem zweijährigen Kind die „logische Konsequenz“ zeigen, weil es beispielsweise ein anderes Kind geschubst hat, das ihm die Schippe weggenommen hat.

      Ich für mich weiß, dass ich meinem Bauchgefühl nicht 100%ig vertrauen kann. Das heißt aber im Umkehrschluß nicht, dass ich ihm nie vertraue.

      Viele Grüße!

  4. Ich denke es kommt doch sehr darauf an, wir wir aufgewachsen sind. Sicher haben nicht alle Menschen schreckliche Erfahrungen in ihrer Kindheit und mit ihren Eltern gemacht! Ich zum Beispiel bin meinem Vater immer noch sehr dankbar dafür wie er mich „erzogen“ hat und dass ich aus meinen Kindheitserfahrungen mit ihm sehr viel für den Umgang mit meinen eigenen Kindern mitnehmen kann. Und auch heute noch bin ich begeistert wie er mit seinen Enkelkindern umgeht <3
    Trotzdem lese ich auch gelegentlich Bücher ausgewählter Autoren zum Thema "Umgang mit Kindern" im weitesten Sinne. Aktuell von Arno Gruen.

  5. Ich denke, es kommt auf eine gute Mischung von Bauchgefühl und Wissen an! Ich bin genau wie du ein Fan von viel Information für Eltern, und diese können sich dann aus jedem Ratgeber, Blogbeitrag, etc. das für sich heraussuchen, was für sie wichtig, lebbar und alltagstauglich ist.
    Ach ja – und ich plädiere auch für Renz-Polsters „Born to be wild“ – ich liebe es!

  6. Hallo Sonnenschein,
    deinen Text fand ich sehr spannend, weil er so von dem Abweicht, was ich dazu denke (hast du ja auch verlinkt ;-)). Ich glaube viele Familien haben es gerade deshalb so schwer und erfahren soviel Gegenwind, weil sie eben vieles so ganz anders machen, als ihre Eltern und Großeltern vor ihnen. Mir ging es zumindest so, dass ich damals vieles so gemacht habe, wie man es heute unter AT zusammen fassen würde. Meine Umwelt reagierte irritiert. Aber für mich und meine Kinder war es richtig so. Die ganzen Bücher zu dem Thema kamen dann viel später raus und haben mich im Nachhinein bestätigt und gestärkt.
    Außerdem glaube ich man sucht sich und liest immer nur die Bücher, die grundsätzlich zu einem passen.
    In meinen Geburtsvorbereitungskursen stelle ich immer auch ein paar Bücher vor und skizziere kurz, worum es geht. Aber nur die Eltern, die eh schon an den Konzepten interessiert sind, fotografieren die Titel eifrig ab. Die anderen ziehen die Augenbrauen hoch und bleiben skeptisch.
    Ich finde es toll, dass es Bücher gibt, die versuchen all dieses „bauchgefühlte Wissen“ mit Studien zu hinterlegen und wissenschaftlich zu erklären. Aber ich glaube auch, dass tief in uns drinnen ein kleiner Kompass ist, der uns den Weg weist, wenn wir auf ihn hören.
    Wenn mich beim Hausbesuch Eltern verzweifelt fragen, was sie machen sollen, wenn ihr Baby weint, frage ich immer zurück, was sie gerne machen möchten. Sie sagen dann immer: am Liebsten möchte ich es trösten und kuscheln und Stillen, mit ins Bett nehmen, Tragen…ABER verwöhne ich es dann nicht?
    Der Impuls ist das Bauchgefühl, das „aber“ ist das Gelernte.

    Natürlich gibt es extreme Gegenbeispiele. Du erwähnst ja auch die geschüttelten Kinder. Aber Menschen reagieren eben auch auf Stress. Allerdings denke ich, dass diese Eltern dann auch nicht glücklich mit ihrer Tat sind und das nicht machen, weil sie das gut finden, sondern weil sie einfach (furchtbarer Weise) ganz schrecklich überreagieren. Also kann man natürlich nicht sagen, dass jemand sein Kind aus Bauchgefühl schüttelt. Das ist absurd.

    Abschließend möchte ich allerdings betonen, dass es in dieser Frage sicher kein „entweder – oder“ gibt. Auf sein Bauchgefühl zu hören ist sicher gut. Aber zu Lesen schadet meistens auch nicht. Das sich auch Journalisten oder Fachautoren irren können, sollte man dabei immer berücksichtigen und mit dem eigenen Bauchgefühl Rücksprache halten.
    Liebe Grüße, Jana

    • Liebe Jana

      Vielen Dank für deinen Kommentar! Wir wollen ja erst einmal das Gleiche: Babys und Kinder, die geliebt werden und die nicht schlafen lernen müssen (oder aufs Töpfchen gehen).

      Mein Bauchgefühl sagt mir viele „richtige“ Dinge. Es sagt mir, dass ich meinen Sohn bei(auf) mir schlafen lasse und ihn in den Schlaf begleite. Aber es sagt mir tatsächlich auch, dass er mir dann dankbar sein muss. Das ist ein ganz perfides Gefühl und da bin ich froh, dass mein Kopf es besser weiß. Denn da ist mein Bauch einfach durch meine Vorgeschichte beeinflusst. Daher hat mir das Lesen wirklich geholfen und die Augen geöffnet. Denn meine Baucherziehung wäre eine ganz andere als meine Leseerziehung.

      Mein Bauchgefühl hätte auch versagt wenn es um „Entschuldigung“ gegangen wäre, da hätte ich das anerzogen. Dabei versteht ein Kind das dann noch nicht, denn es hat keinen Perspektivenwechsel.

      Es steht natürlich außer Frage, dass es auch ganz üble Ratgeber gibt, die als Grundvoraussetzung haben, dass Kinder unfertige tyrannische Wesen sind, die erst einmal zurecht gezurrt werden müssen. Das ist enorm traurig.

      Ich glaube jedoch, dass man es den Leuten zu leicht macht zu sagen „hör einfach auf deinen Bauch“. Es gibt so viele Situationen in denen ein guter Rat besser wäre, bspw in der „Trotzphase“. Da sind viele verzweifelte Eltern, die glauben sie müssten jetzt knallharte Grenzen setzen.

      Und wir sind uns einig, dass man Babys nicht verwöhnen kann. Wie kann man denn mit Liebe verwöhnen und später mit Spielzeug überhäufen?!?

      Liebe Grüße!

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