Ein Jahr Papa

Charlie Brown ist nun schon seit einem Jahr auf der Welt. Wie schnell die Zeit doch vergeht 🙂 Ein Jahr voller Freude und Glück und gleichzeitig auch Erschöpfung und auch, leider muss man das so sagen, Kampf Frust. Ein Rückblick, welcher leider zwischendurch zu einem Rant wird.



photo credit: John S. Eddie 104. Together via photopin (license)

Ein neues Leben
Als Papa kann ich nun sagen, dass man getrost alle Vorstellungen in den geistigen Papierkorb werfen kann, die man sich vor dem Leben als neuer Papa so macht. Selbst wenn man Bekannte, Geschwister, Freunde mit Kindern hat. So manches Kind fremdelt in der Umgebung von Menschen, die keine Bezugspersonen für es sind, und nicht Wenige kokettieren, um potenziellen Bezugspersonen zu gefallen. Davon abgesehen habe ich gelernt, da jedes Kind und auch jeder Papa oder jede Mama so individuell ist, dass es für jeden anders ist oder sich zumindest für jeden anders anfühlen mag.

Charlie Brown beglückt nun seit einem Jahr mein Leben und ich kann nur sagen, dass er und das Leben mit ihm grandios ist. Ich freue mich über jede Minute mit ihm. Zugegeben, wenn er mal wieder herummeckert und ich eh schon wegen etwas anderem angenervt bin, dann ist mir auch nicht gerade nach Jubelstürmen. Dies legt sich aber immer sehr schnell und selbst währenddessen bereue ich absolut nicht, dass er bei uns ist.

So toll habe ich mir das Papa sein nicht vorgestellt. Ich bin jetzt DER Papa für einen (noch) kleinen Sohn, der vollkommen unbedarft und mit den Reinsten aller Ansichten auf unserer Welt ist, der einen bedingungslos liebt und gleichsam zurückgeliebt wird und noch viele Jahre auf einen angewiesen sein wird.

Wenn Charlie Brown lacht, dann lacht die Welt, wenn er weint, dann sind wir mit ihm traurig und begleiten ihn. Wir wollen ihm nicht das Gefühl geben, dass er auf Grund arbiträrer Gesellschaftsnormen oder verschrobenen Ansichten irgendetwas „Falsches“ tue. Seine und die Bedürfnisse und Wünsche seiner Mitmenschen, entsprechend ihrer jeweiligen Fähigkeiten, sind für uns die Leitlinie in der Erziehung. Nicht zu vergessen ist die elterliche Fürsorge oder andere Verantwortungen, die manche Grausamkeiten (zumindest aus der Sicht eines 4/5-Meters) wie Kleidungswechsel einfach unabdingbar machen.

Prioritäten und Hobbies

Meine Rolle als Vater hat bei mir zu einer starken Verschiebung der Prioritäten geführt, insbesondere was den Beruf und die Arbeit angeht. Früher habe mich selbst gestresst und mehr stressen lassen, wegen Dingen, die nun in einem ganz anderen Licht erscheinen. Etwas muss bis zum Ende der Woche erledigt werden? Wir brauchen unbedingt diese oder jene Sache? Joa, sag ich mir jetzt, kann man versuchen. Die Familie, die Bahn, das Wetter (wie die Bahn sagt), Gesundheit, oder etwas Neues von einem Vorgesetzten und/oder jemand Wichtigem, irgendetwas kommt einem mit hoher Wahrscheinlichkeit dazwischen. Murphys Law halt.

Mit der Mangelware Zeit stelle ich mir jetzt auch viel häufiger direkt die Frage: zu welchem Zweck? Was nutzt es und würde es mich persönlich freuen? Die Antwort kocht meistens schon alles herunter. Mein Sohn und meine Frau stehen an erster Stelle. Warum soll ich mich stressen, wenn darunter die Menschen leiden könnten, die mir am wichtigsten sind? Macht mich das glücklicher? Wissen es Stakeholder, Shareholder, Kunden zu schätzen, wenn ich für sie „reinkloppe“ – macht es sie glücklicher? Bin ich bereit, zu ihren Gunsten Abstriche im Familienleben hinzunehmen? Ich denke Ihr wisst die Antwort 🙂 Auch als Wirtschaftswissenschaftler ist mir ein faires und respektvolles Miteinander wichtig, selbst von soetwas Abstraktem wie einem Arbeitgeber.

Wenn ich nach Hobbies gefragt werde muss ich nun immer erst kurz überlegen, welche das nochmal waren. Vergessen habe ich sie nicht und wenn Frau Sonnenschein Charlie Brown beim Schlafen begleitet habe ich neben der Erledigung von diesem und jenem auch schon einmal Zeit für mein Musikinstrument. Sport mache ich seit einem Jahr so gut wie gar nicht mehr, mit Frau Sonnenschein will ich hier aber bald wieder einsteigen. Die Gesundheit ist einfach das Wichtigste. Ein drittes Hobby habe ich auf die nächste Dekade verbannt, alle dafür notwendigen Utensilien werden gerade verscherbelt. Ja, so ist es. Man ist Papa. Finde ich das toll so? Ja! Es ist der Hammer, denn Charlie Brown ist in meinem Leben und lacht, tobt, weint, springt, läuft, und und und 🙂

Paarzeit

Ich weiß nicht, wann Frau Sonnenschein und ich das letzte mal Paarzeit hatten. Charlie Brown ist anhänglich, sogar im Schlaf. Ein Laufstall kommt für uns nicht in Frage. Charlie Brown würde ausrasten, er möchte immer mit dabei sein, dazugehören. Und bedürfnisorientiert wäre das auch nicht gerade. Und eine weitere Bezugsperson wäre auch nicht die Lösung, da bereits ich als die Nummer zwei ihn kaum trösten kann. Er will die Mama. Und so kommt es, dass wir seit über einem Jahr nichts mehr Paarmäßiges gemacht haben. Und uns lediglich in Gegenwart eines wachen Charlies über das aktuelle Zeitgeschehen (privat und öffentlich) und über uns unterhalten.

„Aber man braucht doch Paarzeit!“, hören wir unsere Nachbarn sagen. Damit meinen sie allerdings ein anderes ‚brauchen‘ als das, was sie mit Wasser und Sauerstoff assoziieren würden. Eher denken sie dabei an gemeinsame Zeit vor dem Fernseher. Diese sei ihnen auch gegönnt. Ich vermisse es auch, mit Frau Sonnenschein Filme und Serien zu schauen.

Der Wunsch, mit Charlie Brown Freude zu haben, und die zeitintensive Zuwendung, die er gern hat und die wir ihm auch geben (wollen), lassen die Paarzeit in der Prioritätenliste nach unten rutschen. Es wird sicherlich mit einem heranwachsenden Charlie bald mehr Paarzeit geben, auf die ich mich auch schon freue, und der Beziehung ist das sicherlich auch zuträglich. Allerdings sind wir als Paar und als Familie sehr daran gewachsen, wegen und für Charlie Brown unsere Komfortzone verlassen zu haben. Ich habe es daher zu keinem Zeitpunkt bereut.



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Planeritis

„Meine Frau und ich hatten uns vorgenommen, einmal in der Woche etwas gemeinsam ohne Kind zu machen“, erzählt mir mein Kollege, stolzer Papa eines drei Monate alten Baby. Ihre Pläne konnten sie bisher noch nicht umsetzen, sie hoffen aber, dass es bald klappt.

Mit Kindern Pläne zu machen erscheint mir mittlerweile ähnlich sinnvoll wie Toastbrot essen für eine ausgewogene Ernährung. Aber Pläne machen kann einem ein Gefühl von Sicherheit vorgaukeln. Ich muss zugeben, dass ich die alte Gewohnheit, dieses ‚Planen‘, auch noch nicht aufgegeben habe. Und bei Ärzten und vielen anderen bekommt immer nur feste Termine, welche für uns nur Stress bedeuten.

Wenn es denn möglich ist versuche ich mittlerweile mehr in Zeitfenstern zu planen. In der Zeit, in der Charlie Brown schläft, erledige ich anstehende Aufgaben. Daher plane ich Dinge, deren Erledigung länger dauert, für den Anfang seiner Schlafphase ein, und Aufgaben, die sich schnell erledigen lassen, mache ich im Anschluss, wenn Charlie jeden Moment aufwachen könnte.

Ansonsten ist die Planbarkeit jeglichen Tagesablaufs eigentlich dahin. Für morgen einen Ausflug anstreben? Charlie Brown hat schlecht geschlafen und ist müde, hat einen Schub im Wachstumsschub, ist doch morgens länger wach geblieben als sonst und daher wird seine Wachzeit zwischen dem zweiten und dritten Schläfchen wahrscheinlich nicht mehr ausreichen für einen Ausflug – zack, bleibt man zuhause. Oder eine spontane Kackplosion mit Kleidungswechsel-Epos zerstört spontan die Planung. Abends mit den Kollegen etwas trinken gehen? Just ist etwas mit der Verdauung des Kleinen, er ist unleidlich und die Mama, die seit Monaten ohne irgendein Hobby, ohne Musik, ohne Baby-off-time auskommen muss, ist geschafft und wünscht sich Unterstützung.

Aktuell, um sein erstes Lebensjahr herum, überreizt Charlie Brown wieder sehr stark, er weint viel beim Einschlafen und auch im Schlaf. Er hat sehr viel gelernt in den letzten Tagen, er kann nun draußen laufen und versteht die Welt wieder anders, er plappert Dinge nach so gut er es kann, aber er versucht sie offensichtlich nachzusprechen, und vieles andere. Und er ist ein Held der Kooperation, so scheint es mir.

Tagsüber will er wieder mehr die Mama, Papa es la persona non grata. Und wieder einmal verschiebt sich unsere Gewöhnung des Kleinen an die verlängerte Zeit mit mir, damit meine bessere Hälfte endlich etwas Zeit für Hobbies wie Nähen oder Joggen haben kann.

Kinder müssen funktionieren

Einschränkend muss ich erwähnen, dass Planbarkeit natürlich schon möglich ist, wenn man einen autoritären/ autorativen und nicht-bedürfnisorientierten Erziehungsansatz verfolgt. Wenn der Nachwuchs gehorchen muss, um ein ordentlicher Mensch zu werden, wie viele Eltern überzeugt sind. Erschreckend viele. Auch wenn statistische Modellierungen auf dem Gebiet der Geisteswissenschaften wohl sehr häufig zugunsten aufsehenerregender Schlussfolgerungen und besseren Publikationsmöglichkeiten verbogen werden, so hat die mit Abstand größte Masse der Eltern, die dies glauben, niemals auch nur ein einzige Fachliteratur zur Kindesentwicklung und -erziehung in die Hand genommen. Das stört sie aber nicht. Nicht im geringsten. Ihr Bauchgefühl ist ja top ausgebildet.

Es ist überaus erstaunlich, wie viele Erwachsene sich an Bemerkungen und Verhaltensweisen Dritter aufreiben können, insbesondere dort, wo man sich seine Mitmenschen nicht aussuchen kann. Also bei der Familie, Nachbarn, im Beruf. Mein Ex-Kollege störte sich sehr daran, wenn ihm etwas nicht verständlich erläutert wurde. Oder er fühlte sich angegriffen, wenn der Kollege aus der anderen Abteilung ihm ein „Schau dir die Dokumentation an!“ hinpfefferte. Unsere Ex-Nachbarin ist scheinbar immer noch betroffen, dass wir ihre Ratschläge zur Kindererziehung nicht angenommen haben und wegen Charlie nicht bei ihrem runden Geburtstag sowie ihrer Auszugsfeier waren, anders können wir uns nicht erklären, weshalb sie sich beschwert wir würden bei ihren Ex-Nachbarn für uns liegende Paketlieferungen nicht schnell genug dort abholen. Sie hat es etwas weniger gewaltfrei formuliert als ich hier.

Das mögen jetzt extreme Beispiele sein, ich denke aber jeder von uns kennt soetwas auch von sich. Man fühlt sich manchmal einfach nicht gerecht oder respektvoll behandelt. Möchte, manchmal auch nach einer Zeit des Nachdenkens vielleicht erst, seine Ansichten zu einer Situation kundtun, gehört und akzeptiert werden. Ich habe den Eindruck, dass viele Erwachsene sich häufig gar nicht bewusst sind, was in ihnen oder in anderen gerade vorgeht. Konflikte werden mit dem Verstand versucht zu lösen, während die Gefühlswelt, die den Konflikt erst verursachte, links liegen gelassen wird. Schon mal Roboter (nicht Bots!) streiten gesehen?

Wie müssen sich denn dann Kinder, die wesentlich weniger zu Reflektion fähig sind als Erwachsene, vor allem die ganz jungen Erdenbürger, erst fühlen, wenn ihre Eltern mit ihnen umgehen wie mit einem Untertan? Die alles auf sich beziehen und die in Papa und Mama liegenden Gründe für deren Verhalten nicht selbst entschlüsseln können? Das tut verdammt weh. Und die Eltern reagieren mit Maßregelungen und Missachtung der Gefühle der Kleinen. Auf Grund eines gesellschaftlichen Konsens, dies sei notwendig, um die Kleinen zu ordentlichen Menschen zu machen. Mir scheint es, dass viele Eltern zu gestresst von ihren eigenen Ansprüchen an sich selbst sind, und zu unsicher in Erziehungsfragen, um Empathiefähigkeit für ihren Nachwuchs zu entwickeln. Leider fällt mir dies jetzt als Papa sehr, sehr häufig negativ auf.

Experten der Kindererziehung

Ich versuche mich mit Ratschlägen an andere Eltern zurückzuhalten. Wenn, dann versuche ich Fragen zu stellen wie „Ich dachte Kinder können sich frühestes mit vier Jahren in jemand anderes hineinversetzen, kann sich das Kind dann jetzt schon manipulativ verhalten?“. Letztendlich ist das aber alles egal, da Eltern so beratungsresistent sind wie Donald Trump. Jeder will nur das Beste für sein Kind und vertraut dabei auf sein Bauchgefühl, eine Mischung aus (verdrängten) Erinnerungen und Emotionen. Logischerweise muss jede Einmischung dann als erhobener Zeigefinger gegen die eigenen Emotionen verstanden werden. Ich denke zu viele aus unserer Generationen wissen, wie sich soetwas anfühlt, schließlich war dies doch die übliche Kindererziehung zu unserer Kindheitszeit.

Erschrocken bin ich als junger Papa über das Ausmaß der Arroganz, wie andere Eltern denken die Weisheit des Universums über Kinder und Erziehung in sich aufgesogen zu haben. Mein persönliches Highlight war mein ehemaliger Vorgesetzter, welcher mir empfahl zu Ferbern. Aber auch die Empfehlung unserer Nachbarin, unseren Sohn mehr mit anderen Kindern spielen zu lassen, während Charlie Brown überreizt den Kopf wie beim Tennis schauen nach rechts und links schwenkt, ist erwähnenswert. Und auch, dass man bei kleinen Jungs immer übergriffig sein müsse, während man mit Mädchen eher reden könne, finde ich schrecklich.

Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass viele Eltern hier in unserem Umfeld vieles glauben, aber sehr wenig wirklich wissen und reflektieren. Gleichzeitig werden sehr viele Ratschläge von ihnen verteilt, die, wenn sie denn wenigstens halbwegs ungefährlich sind für das Kind, dann oftmals als „das hat bei UNSEREM einen Kind geholfen“ formuliert werden müssten statt eines verallgemeinernden „das hilft!“.

Toleranz und Unsicherheit

Toleranz in der Kindererziehung scheint mir ein ganz zartes Pflänzchen zu sein. Ich habe das Gefühl, es wächst sehr weit entfernt vom elterlichen Kinderspielplatz der Erziehung. Und trotzdem ist es bei den meisten sehr schnell kaputt getrampelt. Auch wir merken, wie schwer es uns fällt, uns nicht bei unseren Nachbarn einzumischen, welche bspw. regelmäßig ihr jämmerlich weinendes Kind wirklich böse anmaulen. Gleichzeitig ernten wir in der Öffentlichkeit böse Blicke von Fremden für unseren (ja, leider) alternativen Erziehungsstil. Bei älteren Mitbürgern reicht auch manchmal alleine schon das Kind im Tragetuch dafür.

Wir sind mittlerweile soweit, dass wir gesellschaftskonforme Ausreden erfinden, statt zum Beispiel Charlies Überreizung amzuführen. Einfach um Diskussionen und Unverständnis aus dem Weg zu gehen. Auch fehlt Frau Sonnenschein und mir manchmal das Verständnis für andere, die sich bei uns einmischen, was ja auch ein Zeichen von Mangel an Toleranz ist. Auf beiden Seiten.

Ich denke jeder weiß, wie schwer es fallen kann dem Nachbarn zu sagen, sie mögen bitte die Versandkartons für die Papiermülltonne kleinfalten, oder einer Kollegin oder einem Kollegen zu sagen, dass man ihren oder seinen Kommentar als ungerechtfertigte Kritik verstanden hat. Oder einfacher: jemanden nach dem Weg fragen. Oder darauf hinweisen, die Zigarettenkippe nicht auf dem Boden zu entsorgen. Vermutlich kennt Ihr viele andere Beispiele.

Bei Kindererziehung wird aber in vielen von uns etwas ausgelöst, was die Hemmschwelle der Kontaktaufnahme stark herabsetzt. Ein wichtiger Grund ist sicherlich die persönliche Betroffenheit. Zu sehen, wie andere Kindererziehung anders machen, löst in anderen Emotionen aus. Und kann sogar zu wirklich skurrilen Reaktionen und sogar Nebenkriegsschauplätzen führen, die mit Kindern rein gar nichts mehr zu tun haben…

Familie und Umfeld

In unserem momentanen Umfeld kommt mir alles vor wie ein Kampf. Zum Glück ziehen wir bald um, vielleicht ändert sich dann meine Wahrnehmung. Nachbarn und Familie reden einem rein, wissen vermeintlich alles besser, wenden sich ab, weil sie entweder nicht zuhören und nicht verstehen oder sie persönlich gekränkt sind. Ich war schon vertraut damit, dass einem Eltern keine Unterstützung bieten und man auf sich allein gestellt ist, die letzten zwölf Monate haben meine Einschätzung nochmal untermauert.

Hätte mir vorher jemand dieses Ausmaß persönlicher Gekränktheit Dritter durch unsere Art des Familienlebens prognostiziert, ich hätte ihn für verrückt erklärt. Wenn wir mit Charlie Brown nicht rausgingen, weil ihn die Eindrücke überfordern, dann hat uns dies niemand geglaubt. Aus Sicht unseres Umfelds wollten wir offensichtlich nicht mehr an sozialen Aktivitäten teilhaben. Man wandte sich von uns ab. Dabei hätte uns Zuhören schon als Unterstützung gereicht.

Unsere Eltern mit ihrem Erziehungsansatz der alten Schule taten das gleiche. Wir würden das Baby verwöhnen, sagte man uns. Wir würden ihn fernhalten von ihnen, sagten unsere Eltern. Kollegen sagten zu mir, wir würden uns ja geißeln für das Kind. Warum wir das alles so machen fragt uns niemand. Ich vermute ich würde es an ihrer Stelle genauso machen, da ich eine andere und zugleich gut begründbare Herangehensweise als meine eigene als schmerzhafte Kritik auffassen würde.

Während unsere Nachbarn mit ihrer Gesellschaft in ihrer Filterblase verbleiben, können sich unsere Eltern als die Großeltern dem nicht so gut entziehen. Gleichzeitig haben sie auch eigene (gesundheitliche) Baustellen, die sie mehr mit sich selbst beschäftigen lassen und verständnisvolles, empathisches Verhalten negativ beeinflussen.

Ich hätte mir von allen ein besseres miteinander, kooperativeres Verhalten gewünscht und die Erfahrungen der letzten Monate zeigen mir, dass ich für Charlie Brown möchte, dass er dies erleben sollen wird. Und er nicht glauben wird, man müsse sich alles erstreiten und für sich einfordern und sich permanent rechtfertigen. Denn wer will das schon?



photo credit: KerriNikolePhotography Welcome Them Home – The Remington Family via photopin (license)

Schlaf und Fitness

Seitdem ich Papa bin, habe ich keine Probleme mehr einzuschlafen. Dafür ist das Durchschlafen nun schwierig geworden. Man kann sich an einiges gewöhnen, aber an das regelmäßige Erwachen und Aufschrecken nachts habe ich mich auch nach einem Jahr noch nicht gewöhnt. Meine Hoffnung, dass es noch dazu kommen könnte, ist gleich null.

Wie sich Couchpotatoes fühlen, meine ich jetzt zu wissen. Ein Jahr mit beeinträchtigtem Schlaf und keinem Sport. Letzteres ist sogar noch länger her, muss ich gestehen. Mal von ein paar gelegentlichen Liegestützen abgesehen. Was ich früher bei anderen als Faulheit und mangelnde Selbstdisziplin verurteilt habe, fühlt sich jetzt am eigenen Leib wirklich schlimm an. Ich bin innerlich ausgebrannt und bin eine Mischung aus Durch-den-Reißwolf-gedreht und Drei-Tage-wach. Sport kommt mir mittlerweile vor wie Selbstvernichtung.

Sonstiges

Ich weiß nicht, ob Ihr dies schon einmal bemerkt habt, aber mir ist aufgefallen, dass die Vertragspolitik vieler Unternehmen familienfeindlich ist. Das mag jetzt etwas übertrieben klingen, zumal es alle Personenkreise betrifft, denen einfach auch die Zeit dazu fehlt, ständig ihre Laufzeitverträge zu überprüfen. Auf Unternehmensseite meine ich dabei ganz konkret Gasanbieter, Stromanbieter, Telekommunikationsunternehmen, (Auto-)Versicherungen.

Leider wird heutzutage von diesen Unternehmen viel Geld in die Neukundenakquise gesteckt, aber nicht in das Halten von Kunden. Wenn man nicht regelmäßig den Anbieter wechselt oder zumindest in der Hoffnung kündigt, die Kundenrückgewinnung o.ä. mache einem als Antwort darauf ein lukratives Angebot, zahlt man schnell im pro Jahr dreistelligen Bereich mehr als der Personenkreis, der im Allgemeinen eher die Zeit und Muße hat, nach günstigeren Angeboten zu schauen. Traurig.

Zum Schluss

Als Kinderloser habe ich mir in meinen Vorstellungen nicht ausmalen können, wie facettenreich und welch große gesellschaftliche Dimension eine Elternrolle sein und haben kann. Jedem ohne Kinder, der meint sich vorstellen zu können, wie das Leben mit Kindern so ist, kann ich nur sagen: Mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit kannst Du es nicht. Allein die Emotionen, die wir mit Charlie Brown erleben, sind unvorstellbar.

Zum Beispiel wenn Charlie Brown Krankheitssymptome zeigt. Es könnte etwas Banales sein, aber ggf. auch etwas Schlimmeres, was man besser frühzeitig behandeln sollte. Besser doch ins Krankenhaus fahren? Aber dort sind viele kranke Kinder, er könnte sich anstecken. Und mehr als zwei Stunden warten und der ganze Stress der Reise für eine pharmazeutische Keule als Lösung? Das tut dem Kind doch auch nicht gut. Aber er leidet und man macht sich wirklich, wirklich große Sorgen um den kleinen Kerl. Und ich denke, Eltern wissen an dieser Stelle nur zu gut, welche Emotionen zusätzlich aufkommen, wenn der andere Elternteil die Situation und die Handlungsmaßnahmen auch nur ein bisschen anders sieht als man selbst 😉

Für die allermeisten von uns sind unsere Kinder unser nachhaltigster Einfluss auf diese Welt. Unsere Kinder sind es daher wert, dass man sich für sie erkundigt (nach allem), sich für sie einsetzt, und ihnen beste Entwicklungsmöglichten versucht zu geben. Und vor allem: sie liebt und sie das auch spüren lässt.

Das erste Jahr mit Kind war eine Achterbahnfahrt. Wir sind dem Kinderclub beigetreten. Andere Eltern sehen diese Gemeinsamkeit und begegnen uns wie Emigrierte, die auf jemanden treffen, der die gleiche Sprache wie sie spricht. Familie und Nachbarn fühlen sich durch unseren Erziehungsansatz verletzt, kritisiert, herabgesetzt und ziehen sich zurück oder reagieren mit Beißreflex. Verständnis oder gar Hilfe sucht man vergebens. Dies hat uns als Familie zusammengeschweißt.

Es zeigt mir aber auch, und das finde ich sehr traurig, dass die unkooperative Ellenbogenmentalität leider die Regel zu sein scheint. Dass viele mit Angriff und Abkehr reagieren, wo die Möglichkeit besteht, sich mit seinen eigenen Dämonen auseinanderzusetzen und persönlich zu reifen. Man könnte gemeinsam so viel erreichen, sich unterstützen und fördern, stattdessen werden die Kathedralen der Wunden, oftmals unbewusst, mit viel Aufwand gepflegt. Wir möchten dies nicht für Charlie Brown und mein erstes Jahr als Papa, mit allen positiven wie negativen Erfahrungen zeigt mir und uns, dass wir auf dem richtigen Weg sind.

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