Fremdbetreuung

Charlie Brown geht stramm auf das Kleinkindalter zu und mein Arbeitsbeginn rückt näher. Oder auch nicht, denn wir haben beschlossen, dass ich damit noch warten werde. Selbst beim Papa ist der Kleine dauerhaft kreuzunglücklich und das ist uns meine Karriere nicht wert. Also ist das unser Weg. Andere Familien haben andere Lösungen. Zum Beispiel die Fremdbetreuung in der Kita. Daran scheiden sich jedoch die Geister. Man kann wohl nur dafür oder dagegen sein. Zumindest scheint es mir so. Und Befürworter und Gegner wähnen beide die Wissenschaft auf ihrer Seite.


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photo credi: familymwr Army Child Care Fee’s increase in the 2011-2012 school year 111024 via photopin (license)

Auch wir haben über die Kita nachgedacht. Einerseits ist es, gerade in Berlin, gesellschaftskonform, die Kleinen abzugeben, andererseits habe ich mittlerweile von einigen schweren bis katastrophalen Eingewöhnungen gehört. Und ganz ehrlich, was kümmert uns jetzt noch Gesellschaftskonformität? 😉

Ich habe mich also mal wieder ein wenig informiert. Und mein Fazit ist: es kommt auf das Kind an! Und auf die Kita. Somit haben Befürworter und Gegner Recht und beide werden von der Wissenschaft gestützt!

Viele Argumente entstammen der NICHD Studie. Diese analysiert die Auswirkungen einer Fremdbetreuung bei ca. 1300 Kindern in den USA. Hier werden verschiedene Betreuungssituationen gegenüber gestellt und die kindliche Entwicklung untersucht. Die Ergebnisse sind je nach Forschungssetting und Fragestellung sehr ambivalent.

Relativ eindeutig sind die Ergebnisse bei einer Fremdbetreuung im ersten Lebensjahr. Hier zeigen mehr Kinder später Bindungsstörungen und Schwächen im Sozialverhalten. Bei der Betreuung von älteren Kindern kommt es auf die Kita und das Elternhaus an. Beispielsweise bei einem eher schwierigen Elternhaus oder bei einer Depression (der Mutter) wirkt sich die Kita positiv auf die Kinder aus. Sie fängt somit einige familiäre Defizite auf.

Ansonsten kann die Fremdbetreuung in der Kita zu Verhaltensauffälligkeiten im Sozialverhalten führen. Auch mangelnde Selbstregulierung kann das Resultat einer frühen Fremdbetreuung sein. Zudem tritt Übergewicht häufiger bei Kindern auf, die in einer Kita betreut wurden.

Gleichzeitig werden jedoch mathematische, sprachliche und motorische Fähigkeiten gestärkt. Ich denke es kommt dann ganz darauf an wie der Kitastress zuhause abgebaut werden darf. Und natürlich auf das Kind und seinen Charakter!

Dennoch lernen Kinder am meisten zuhause. Eine Unterbringung in der Kita zur Förderung erscheint mir daher überinterpretiert. Im Übrigen gilt, dass bei qualitativ schlechteren Betreuungsverhältnissen die negativen Auswirkungen auf das Kind stärker werden.

Einige Studien finden allerdings überhaupt keine Effekte. Obwohl sie auch diesen Datensatz benutzen. Die Forschung ist da weit entfernt von eindeutig!

Eine weitere Herangehensweise ist die Messung des Cortisolspiegels bei Kindern. Cortisol ist ein Stresshormon, welches sich, insbesondere bei den noch unausgereiften Gehirnen von Kindern, negativ auf die Gehirnentwicklung auswirken kann. Die Ergebnisse sind eindeutiger, aber die Interpretation sollte deutlich vorsichtiger gemacht werden.

Tatsächlich weisen Kitakinder höhere Cortisolspiegel auf. Und zwar nicht nur während der Eingewöhnung, sondern dauerhaft. Wenn die Eltern dem Kind täglich nach der Kita ermöglichen den Stress abzubauen, dann werden die erhöhten Werte vermutlich nicht zu Schädigungen im präfontalen Kortex führen. Sind die Kinder jedoch gezwungen auch zuhause zu kooperieren und zu funktionieren, so kann der zusätzliche Stress dar Gehirn dauerhaft verändern.

Cortisol ist erst einmal nichts Schlimmes! Das heißt nicht, dass die Kinder nicht gerne in der Kita sind. Auch wir können gerne zur Arbeit gehen und trotzdem gestresst sein. Wichtig ist nur, dass man den Stress abbauen kann. Das gilt für Kinder und Erwachsene. Kinder brauchen dabei lediglich noch etwas Hilfe. Ich bin überzeugt, dass je älter Kinder sind, je wichtiger ist die Kita für Viele. Dort haben sie Freunde und sind unter Gleichaltrigen. Es gibt aber genau so auch Kinder, denen die Kita einfach zu viel ist. Zu laut, zu viele Menschen, zu viel überhaupt. Dann wäre es besser zu warten, wenn es möglich ist. Das ist eine ganz individuelle Entscheidung für jede Familie und richtig und falsch gibt es nicht.

Auch hier gibt es Studien, die keine Effekte finden. Je nach Design der Studie und Fragestellung können die Antworten sehr unterschiedlich ausfallen.

Bei einer guten Betreuung und einer guten Eingewöhnung leidet die Eltern-Kind-Bindung nicht. Diese wird hauptsächlich von der Interaktion zwischen Eltern und Kind geprägt und nicht durch Dritte. Ist die Qualität jedoch schlecht, oder die Eingewöhnung unzureichend, dann kann eine sichere Bindung zerbrechen. Das hängt natürlich auch von Charakter des Kindes ab.

Ganz wichtig ist, dass die Kita „gut“ ist. Ganz grob würde ich das definieren als bedürfnisorientiert und mit kleinem Betreuungsschlüssel. Für Kinder unter drei Jahren ist ein Betreuer-Kinder-Verhältnis von maximal 1:3 sehr gut, später 1:5. Sehr wichtig ist auch die Eingewöhnung. Diese sollte im Tempo des Kindes stattfinden. Und die Erzieher sollten keinen Druck bei den Eltern aufbauen, sondern versuchen das Kind kennenzulernen und eine echte Beziehung aufzubauen. Ohne diese Bindung kann so ein Kitatag sonst ganz furchtbar sein und tatsächlich negativ auf das kindliche Sozialverhalten und die Eltern-Kind-Bindung wirken. Leider ist die Kitalandschaft sehr heterogen.

Grundsätzlich kann man abschließen, dass eine Fremdbetreuung für das Kind weder gut noch schlecht sein muss. Das Kind verkraftet sie besser, je älter es ist und tatsächlich ist ein fremdbetreutes Kind verhältnismäßig fitter in Motorik und Sprache als „unbetreute“ Zeitgenossen. Das Niveau gleicht sich jedoch in den ersten Schuljahren wieder an, womit sich das genannte Argument pro Kita relativiert.

Letztendlich ist das richtig, was sich als Familie gut anfühlt! Falls man (erst einmal) auf die Kita verzichtet, sollte man eventuell Spielgruppen in Erwägung ziehen. Kinder sind sehr soziale Wesen (wie Erwachsene auch) und brauchen andere Kinder. Das muss allerdings nicht in der Kita sein. Für mich ist hier jeder Dogmatismus fehl am Platz. Weder „muss“ sein Kind in die Kita (weil es dort besser gefördert wird usw) noch darf es keinesfalls (weil das die Bindung zerstört). Kinder sind so individuell, da muss man als Familie den besten Weg finden und der ist dann richtig. Das ist auf jeden Fall auch mit wissenschaftlicher Evidenz untermauert.

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3 Gedanken zu „Fremdbetreuung#8220;

  1. Ganz genau wie du auch schriebst, es ist eine individuelle Entscheidung und die Qualität der Betreuung (egal wo!) ist nie vergleichbar. Leider ist es manchen Eltern nicht so einfach, das Kind zu Hause zu betreuen, weil sie einfach arbeiten müssen. Diesen Aspekt vermisse ich oft bei diesem Thema.

    Und ja, Kinder verdienen genau wie Eltern einen entspannten „Feierabend“ um runterzukommen, das ist wirklich sehr wichtig. Es muss ja nicht immer noch ein riesiges Programm nach der Kita dran gehangen werden.

    In den USA gehen die Kids ja teilweise schon als ganz kleine Babys in eine Krippe, da finde ich den Punkt oder die Altersgruppe nicht so vergleichbar mit Deutschland. Da kommt zu den Ergebnissen sicher hinzu, gerade auf der Welt und schon bei der Nanny. 🙁

    • Liebe Lara

      Entschuldige die späte Antwort. Hier ging es drunter und drüber.

      Ich weiß, dass wir eine gute Lage haben, dass ich zuhause bleiben kann. Das geht oft nicht. Ich werde auch eine Kita versuchen wenn er etwas älter ist. Gerade dann sind dort ja Freunde und so. Das ist für viele Kinder richtig toll. Ich finde das Thema insgesamt sehr aufgeheizt und sehr dogmatisch. Das muss es aber gar nicht sein, da es immer auf die individuellen Umstände ankommt.

      Mit den USA hast du Recht, die Studien sind nicht so gut übertragbar. Im Zweifelsfall ist es hier etwas besser. Übrigens werden auch in Frankreich schon Babys in die Krippe gegeben. Schon mit 8 Wochen. Das finde ich auch sehr früh.

      Viele Grüße und danke für deine Rückmeldung

  2. Ganz genau, es ist immer ein individueller Weg, wir sind nun mal alle anders. 🙂

    Ja, das französische Modell ist, platt gesagt „etwas hart“. Definitiv ein kultureller Unterschied, dafür ist es dort selbstverständlicher als Frau zu arbeiten. Aber das ist wirklich ein komplexed Thema. 😉

    Alles Liebe, Lara

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